„Die ersten Wellen der Web-Aktivitäten waren erstaunlich kraftvoll und besaßen eine persönliche Qualität. Die Menschen richteten sich persönliche `Homepages` ein, die alle sehr verschieden und oft recht eigenwillig waren. Das Netz hatte seinen eigenen Duft.“ siehe Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S. 28  

Dies waren die neunziger Jahre, als das World Wide Web noch in den Anfängen steckte. Wie gern hätte ich einmal diesen Zeitgeist verspürt! Doch bedauerlicherweise wurde ich erst 1997 geboren, so habe ich vom Rest der neunziger Jahre auch nicht mehr so viel mitbekommen.

Nur wenige Menschen kümmern sich um das Recht der Person, ihre Persönlichkeit auch im Internet frei entfalten zu können. Doch dabei steht schon in Artikel 2 des deutschen Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. (…) Die Freiheit einer Person ist unverletzlich.“

Jaron Lanier, von dem das anfängliche Zitat stammt, ist einer der (wie ich finde) bedeutendsten Vertreter des digitalen Humanismus, wie die Zeitungen diesen Zweig der Philosophie nennen. Lanier ist ein US – amerikanischer Informatiker, der in früheren Zeiten sehr optimistisch gegenüber dem Internet war, dann aber feststellte, dass das Internet sich seiner Meinung nach falsch entwickelt hatte. Nun würde es die Bedeutung der Menschen nicht genug würdigen.

„Der zentrale Fehler der neueren digitalen Kultur liegt in dem Bestreben, ein Netzwerk von Individuen so fein zu zergliedern, daß am Ende nur ein Brei übrigbleibt. Dann beginnt man, mehr auf die abstrakten Merkmale des Netzwerks als auf die realen, im Netzwerk zusammengeschlossenen Menschen zu achten, obwohl das Netzwerk selbst weder Sinn noch Bedeutung kennt. Nur Menschen haben Sinn und Bedeutung.“ (s. Gadget, wie oben, S. 30)

Das vermehrt auftretende Problem im heutigen Internet ist also, dass wir als in einem Netzwerk zusammengeschlossene Menschen nicht als wirkliche Menschen erscheinen, sondern nur als Bruchstücke davon, während z.B. entsprechend programmierte Bots genau so erscheinen können. Ich stelle mir hier als Beispiel die Klickzähler auf Videoplattformen vor. Man sieht nicht, wer dieses Video aufgerufen hat, ein automatisch gesteuertes Programm kann es genauso tun wie ein Mensch. Außerdem haben die Menschen je nach Belieben unzählige Avatare, die sie nach Gelegenheit ändern können. Es gibt dann also nicht nur eine einzige virtuelle Manifestation einer Person, sondern unzählige, eine für jedes soziale Netzwerk, für jedes Forum, usw.

In meiner Jahresarbeit werde ich zunächst auf das Individuum schauen, welches den Kern meiner Arbeit bildet, sowie die Themen des virtuellen Freundeskreises, der Anonymität und der Big Data behandeln. Anschließend werde ich auf das Vorkommen des Kollektivs im Internet eingehen, welches aus vielen Individuen besteht. Werden Seiten wie Wikipedia als kollektiv ausgelegte Webseiten ihrem guten Ruf gerecht?

Zuletzt widme ich mich der Frage, wo und auf welche Weise im Internet Individualität am besten zur Geltung kommt. Als konkrete Beispiele werde ich die drei sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und Tumblr sowie die Vor- und Nachteile einer Homepage genauer beschreiben. Zum Schluss des dritten Kapitels werde ich noch eine alternative Version des Internets, wie es hätte sein können, die virtuelle Individualität besser ins Licht zu rücken, vorstellen. Dies führt mich zu meiner zentralen Fragestellung:

Wie äußert sich im Internet Individualität und wie wird diese behandelt?

Wo ist es schon gut gelungen, die Individualität zur Geltung zu bringen und wo nicht? Was macht virtuelle Individualität aus, folglich, nach welchen Wertvorstellungen sollte sich die Gestaltung des Internets richten, um die virtuelle Individualität zu fördern? Was muss man ändern? Gibt es eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie verläuft sie?

Nach dem dritten Kapitel möchte ich meinen praktischen Teil veröffentlichen, der sich mit der Darstellung einer Individualität im Internet beschäftigt. Diese Individualität ist jedoch fiktiv, diese Person existiert also nicht wirklich. Um glaubwürdig zu erscheinen, habe ich ein paar Dinge unternommen, welche ziemlich schlagkräftige Argumente zum „Beweisen“ der Person sind. Aber alles zu seiner Zeit, die Offenbarung zu dieser Person kommt erst später…

Das Beitragsbild zeigt Jaron Lanier, welcher eine Vorliebe für asiatische Blasinstrumente hat.

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Ein Gedanke zu “Meine zentrale Fragestellung

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