2.1.2 Crowdsourcing

2.1.2 Crowdsourcing

Crowdsourcing (dt. etwa: die Masse als Quelle nutzend), hat ein ähnliches Konzept wie ein Wiki, darf aber nicht damit verwechselt werden.

Beim Crowdsourcing werden Leistungen, die üblicherweise von Erwerbstätigen erbracht werden, durch eine Organisation oder eine Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren verlagert. Die Organisation oder die Privatperson erlangt dabei frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile.

Amazon z. B. beschäftigt sogar echte Menschen gegen minimales Geld (oft nur wenige Cents) um Aufgaben zu bewältigen, die Bots nicht allein bewerkstelligen können, wie etwa einen Film nachzuerzählen, Altersfreigaben zu empfehlen oder bestimmte Motive auf Bildern zu suchen. Diese menschlichen Helfer werden Mechanical Turks genannt, denn es soll von außen so aussehen, als ob Maschinen die Arbeit getan hätten.

Eine besondere Form von Crowdsourcing ist das Crowdfunding, bei dem direkt um Spenden gebeten wird, um eine bestimmte Sache zu finanzieren, wie etwa die Produktion eines neuen Kinofilms oder einer neuen Fernsehserie. Ein Beispiel für eine Crowdfunding-Plattform wäre Kickstarter, wo es eine vielseitige Auswahl an bereits mehr als 85.000 finanzierten Projekten gibt. Seit dem Geschäftsbeginn 2009 wurden dort 1,7 Milliarden US$ von 8,6 Millionen Nutzern gespendet.

Der Nachteil an Crowdfunding ist, dass sich ein schon gewonnener Erfolg nur schwer wiederholen lässt, wie am Beispiel einer Studentin deutlich wurde, die sich über eine Crowdfunding-Plattform ihr Geld für das Studium beschaffte. Andere Studenten können diesen Erfolg vielleicht nicht so leicht nachmachen. Als sichere Geldquelle kann man Crowdfunding also nicht betrachten.

Das Beitragsbild findet sich hier.

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2.1.1 Wikis

2.1.1 Wikis

Als bekanntestes Beispiel ist hier Wikipedia zu nennen. Ein Wiki (wortwörtlich „schnell“ auf Hawaiisch) ist darauf ausgelegt, Erfahrung und Wissen gemeinschaftlich zu sammeln. Dazu werden gemeinschaftlich Texte erarbeitet, die durch die Nutzer im jeweiligen Webbrowser nachträglich bearbeitet und verändert werden können.

Somit häuft sich das Wissen mit der Zeit immer mehr, hat aber nie eine endgültige Form erreicht.

Als Vergleich zu Wikipedia kann man vielleicht ein Lexikon sehen. Auch ein Lexikon hat Einträge zu möglichst vielen Themen. Eine Spezialisierung kann bei einem Lexikon der Fall sein, z. B. auf die Naturwissenschaften oder bestimmte Geschichtsepochen. Bei Wikipedia ist jeder Artikel eine Spezialisierung für sich, da die Verfasser oberflächlich oder aber sehr vertieft schreiben können. Gleichzeitig gibt es bei Wikipedia keine Platzierungsschwierigkeiten und Verlegungsprobleme. Die Länge eines Artikels ist nicht begrenzt, insofern kann bei jedem erdenklichen Thema auf Wikipedia eine unendlich feine und langatmige Spezialisierung erfolgen.

Eine häufig gestellte Frage ist, ob sich die Qualität eines Lexikoneintrags von der eines Wikipedia-Artikels unterscheidet. Auf Wikipedia gibt es anders als bei einem Lexikon keine durchgehend konstante Qualität (in der Gliederung des Artikels, Ausdrucksweise, Verständlichkeit, Bilder usw.). Stattdessen sind auf Wikipedia manche Artikel mit dem Prädikat „exzellent“ versehen, welche dann besonders lesenswert sein sollen. Hier ein paar als „exzellent“ markierte Artikel: LeipzigCao CaoOpinelWahnsinn.

Jaron Lanier meint, man könne auf Wikipedia die Gedanken einzelner Menschen zu einer augenscheinlich sinnvollen semantischen Struktur zusammenfügen. Dabei behaupte Wikipedia, sie könne Meinung und Wissen voneinander trennen. Siehe Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffman und Campe, 2014, S.249.

In der Tat ist dies bei Wikipedia ein bedeutender Schwachpunkt: Trennung von Wissen (also dem, was belegbar ist) und Meinung (die laut den Wikipedia-Richtlinien nicht enthalten sein sollte).

Allein schon die belegbaren Fakten, die präsentiert werden, können in manchen Fällen ein meinungsmachendes Bild hervorrufen. Hier ein Beispiel für einen mit wenigen Belegen ausgestatteten Artikel: Sechstagekrieg.

Das Beitragsbild zeigt eine Katze (die am meisten angeschaute Tierart im Netz), die sich offenbar über die Realität der Menschen hermacht.

2.1 Kollektiv ausgelegte Einrichtungen im Internet

2.1 Kollektiv ausgelegte Einrichtungen im Internet

Ich definiere ein Internetkollektiv als eine sich auf einer Webseite oder einem Internetportal befindliche Einrichtung, die es erlaubt, viele Menschen durch ihre jeweiligen Geräte an einem großen Projekt teilhaben zu lassen. Diese Menschen verbinden sich bei der Verfolgung ihres Projekts zu einer kollektiven Einheit.

Außerdem gibt es spontan entstehende virtuelle Kollektive, die sich durchaus auch plattformübergreifend betätigen, so z. B. während des „Arabischen Frühlings“ auf Twitter und Facebook.

In kleinerem Rahmen wird für solche spontanen Aktionen auf Twitter oft der Begriff „Shitstorm“ gebraucht, so gab es z. B. nach Angela Merkels Äußerung, das Internet sei „für uns alle Neuland“ einen sehr großen Shitstorm auf Twitter zu #neuland. Zu Twitter komme ich nochmal im nächsten Kapitel zurück.

Ein nicht spontan geformtes (sondern ein von Anfang an festgelegtes) Internetkollektiv kann verschiedenartig ausgelegt sein, die wichtigsten Beispiele werde ich in den nächsten Beiträgen aufzählen.

Das Beitragsbild zeigt kurz und knapp, wie man einen Shitstorm managen sollte.

2. Die Weisheit der Vielen

2. Die Weisheit der Vielen

In diesem Kapitel widme ich mich dem Begriff der virtuellen kollektiven Intelligenz (im weiteren Verlauf einfach „Kollektiv“ oder „Internetkollektiv“ genannt) und gehe den Fragen nach, welche Arten von kollektiv ausgelegten Webseiten es im Internet gibt, wie sich ein Kollektiv im Internet verhält, was die Nach- und Vorteile eines virtuellen Kollektivs gegenüber einem virtuellen Individuum sind und ob im Internet mehr das Kollektiv oder das Individuum dominiert.

Aufgrund der Anonymität ist es im Internet schwer möglich zwischen Individuen und Gruppen zu unterscheiden. Ein Unternehmen kann genau so einen Account führen wie eine Privatperson und manche Accounts von Einzelpersonen werden von mehreren Personen (z. B. PR-Managern) geführt.

Es gibt jedoch Einrichtungen im Internet, die sich ganz klar auf die Vorteile eines Kollektivs stützen, also auf die Vorteile, die es mit sich bringt, wenn man in der Mehrzahl ist. Diese werde ich in den folgenden Beiträgen näher beschreiben.

Das Beitragsbild zeigt einen Vogelschwarm, der gerade einen Vorteil des Kollektivs darstellt.

1.3 Individualität und Individualisierung

1.3 Individualität und Individualisierung

Im Internet erfolgt „Individualisierung“ zur heutigen Zeit leider hauptsächlich durch Algorithmen, welche alle Daten, die wir von uns preisgeben, sammeln und analysieren. Ich definiere Individualisierung hier als eine nicht von der eigenen Person ausgehende Hervorhebung des Einzigartigen. Individualität hingegen geht von der eigenen Person aus, am Anfang des Kapitels hatte ich die Gründe dafür geschildert.

Der Begriff „Algorithmus“ leitet sich vom Namen des persischen Gelehrten Mohammed al-Chwarizmi ab und bezeichnet eine Berechnungsvorschrift, welche bestimmt, wie die verfügbaren Daten zu berechnen sind und was auf deren Grundlage weiter geschehen sollte.

Diese Algorithmen müssen für die Individualisierung auf sehr große Datenmengen angewandt werden. Dies ist erst mit den jüngsten technologischen Entwicklungen möglich, welche unter dem Begriff Big Data bekannt geworden sind.

Die Entstehungsgeschichte von Big Data in ihrer heutigen Form ist folgende: Ein amerikanischer Informatiker und Computerpionier, Peter James Denning, sagte bereits 1990, dass es möglich wäre Maschinen zu bauen, welche mit dem enormen und rasant steigenden Datenfluss umgehen und Datenmuster voraussagen könnten, allerdings ohne den Sinn der Daten zu verstehen. Solche Maschinen könnten eventuell mit solch gewaltigen Datenmengen in Realzeit umgehen.

1997 stellte der Informatiker Michael Lesk in einem Artikel „How much information is there in the world?“ (dt: „Wie viele Informationen gibt es auf der Welt?“) fest, dass man in ein paar Jahren fähig sei, jede Information zu speichern, damit keine verloren gehe, sowie dass ein normales Stück Information nicht mehr von einem Menschen begutachtet werden würde.

Der Informatikprofessor Peter Lyman und der Wirtschaftswissenschaftler Hal Ronald Varian veröffentlichten im Jahr 2000 die Studie „How much information?“ (dt. „Wie viel Information?“). Die Studie schlussfolgerte, dass im Jahr 1999 auf der ganzen Welt 1,5 Exabytes an einzigartiger Information produziert wurden. 1 Exabyte = 1000 Petabytes, 1 Petabyte = 1000 Terabytes, 1 Terabyte = 1000 Gigabytes. Also entspricht ein Exabyte 1 Trillion (1 000 000 000 000 000 000) Bits.

Sie stellten außerdem fest, dass ein erheblicher Teil der Information von Individuen erschaffen und gelagert wurde, was die Studie mit „Democratization of Data“, deutsch: „Demokratisierung der Daten“ betitelt. Eine spätere Studie mit dem gleichen Ziel und von dem selben Team ermittelte für 2002 eine Summe von etwa 5 Exabytes an neu geschaffener Information.

Die Studie von Lyman und Varian hob die von Individuen geschaffenen Daten hervor und nannte den Vorgang „Demokratisierung der Daten“. Dies ist, wie ich finde, ein sehr gut gewählter Begriff. Die Demokratisierung einer Gesellschaft bedeutet, dass jeder volljährige Bürger ein Wahlrecht hat, wodurch er über die Bildung der Regierung mit entscheiden darf. Übertragen auf die Daten heißt das:

Jeder Internetnutzer erzeugt einzigartige Informationen ( ist Teil der „Gesellschaft“) und hat ein Recht, über die Gestaltung der eigenen virtuellen Individualität mit zu entscheiden und wird nicht von anderen Webeinrichtungen individualisiert.

Im Februar 2001 veröffentlichte der Analytiker Doug Laney einen Forschungsbericht,

3 D Data Management: Controlling Data Volume, Velocity, and Variety.

Deutsch: „3 D Datenmanagement: Die Überprüfung von Datenmenge, Datengeschwindigkeit und Datenvielfalt.“ der die später allgemein anerkannten drei Dimensionen von Big Data beinhalten sollte, obwohl Laney selbst den Begriff Big Data in dem Forschungsbericht nicht gebraucht. Er stellt in dem Bericht folgende Dimensionen von Big Data vor: Volume, Velocity, Variety, deutsch: Menge, Geschwindigkeit, Vielfalt.

Volume (Menge) bedeutet hier, eine Kontrolle über relevante Informationen, Auslagerung, Redundanzvermeidung und Durchführung von statistischen Stichproben.

Velocity (Geschwindigkeit) bezeichnet eine Verkürzung der Wartezeit durch Caches oder Entscheidungszyklen.

Variety (Vielfalt) bedeutet die Lösung einander widersprechender Daten und eine Standardformatierung zur allgemeinen Übersichtlichkeit.

Im Mai 2012 veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen Danah Boyd und Kate Crawford den Artikel „Critical Questions for Big Data“, deutsch: „Kritische Fragen um Big Data“. Sie definieren Big Data als „kulturelles, technologisches und wissenschaftliches Phänomen“, das sich auf das Zusammenspiel von 3 Faktoren stützt:

(1) Technologie; das Sammeln, Analysieren, Verlinken und Vergleichen von großen Datensätzen, unter Einsatz von maximierter Rechenkapazität und der Genauigkeit von Algorithmen,

(2) Analyse; große Datensätze zu Rate ziehen, um Muster zu erkennen, die ökonomische Vorteile erbringen,

(3) Mythologie; den Mythos verbreiten, große Datensätze würden eine höhere Form von Intelligenz und Wissen bieten, welche Einsichten generieren können, die vorher unmöglich schienen, mit einer Aura von Wahrheit, Objektivität und Genauigkeit.

Weitere Informationen zu Big Data.

Jaron Lanier erklärt Big Data folgendermaßen:

Big Data ist der allgegenwärtige Begriff, mit dem die enormen Datenmengen bezeichnet werden, die auf jede erdenkliche Art über alles und jeden gesammelt werden, damit die Algorithmen, die man auch als ‚künstliche Intelligenz‘ bezeichnet, scheinbar von allein funktionieren können. Doch allein die Tatsache, dass man Big Data braucht, zeigt, dass die Algorithmen nur eine andere Form menschlicher Tätigkeit sind – eine anonyme Form menschlicher Tätigkeit, bei der die tätigen Menschen nicht gewürdigt oder bezahlt werden. Big Data und die künstliche Intelligenz sind wirtschaftliche und politische Konstruktionen, die die meisten Menschen entrechten.“ (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 16)

So wird gezielt individuelle Werbung geschaltet, die aus den individuellen Suchverläufen und Mitteilungen einer Person resultiert.

Big Data ist im Internet die Nutzung individueller Daten, wie sie im Bereich der Wirtschaft, also des Konsumverhaltens, vorgenommen wird. Dies mag bequem erscheinen, denn so müssen wir nicht mehr so lange nach dem suchen was uns gefällt. Werbung zu bekommen, die uns wirklich interessiert, wäre doch eigentlich ganz angenehm. Jedoch fördert Big Data damit die Individualisierung und es kann passieren, dass es nicht mehr zur eigenen Darstellung der Individualität kommt und wir uns ganz auf die Algorithmen verlassen.

Big Data wird von Internetkonzernen wie Google, Facebook oder Amazon genutzt. Auf fast jeder Webseite ist Google im Hintergrund präsent und verfolgt die Aktionen der Besucher.

Allerdings hatte das Bundesverfassungsgericht in einem Volkszählungsurteil vom 15.12.1983 bereits festgestellt, dass jeder Deutsche ein Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ hat. „Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung (Grundrecht auf Datenschutz) gewährleistet das Recht des einzelnen, grundsätzlich über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen.“ Facebook änderte am 30. Januar 2015 seine Geschäftsbedingungen dahingehend, dass es nun nicht mehr nur über den „Like“-Button die Interessen des Nutzers feststellt, sondern über viele Websites und Apps dem Nutzer folgt und dabei den physischen Standort des Nutzers mehr einfließen lässt. Ist der Nutzer zum Beispiel öfter auf Fußball-Seiten unterwegs, erhält er individualisierte Werbung vom nächsten Sportladen.

Zu den geänderten Geschäftsbedingungen von Facebook meinte die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff, obwohl Daten von deutschen Facebooknutzern erhoben und verwendet werden, habe sie als Bundesdatenschutzbeauftragte in sozialen Netzwerken keine Kontrollbefugnisse, eine Untersuchung könne daher auch nicht von ihr eingeleitet werden. Die Datenschutzaufsicht wäre zuerst eine Aufgabe der irischen Datenschutzbehörde, denn laut Auskunft von Facebook Inc. sei Facebook Ltd. in Irland die verantwortliche Stelle für Datenverarbeitung in Europa.

Mit der Verweigerung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung machen Facebook und Co. aus meiner Sicht einen Teil der Persönlichkeit abspenstig und ich würde sagen, dass sie ihre Kunden wahrscheinlich eher als Ware sehen, aus der man mit Werbung Kapital schlagen kann.

Das heißt, wir geben viel von unserer Persönlichkeit preis, ohne es zu wollen, indem Internetkonzerne die Daten jedes einzelnen Nutzers sammeln und analysieren, folglich uns auch individualisieren.

Wie in der Einleitung vom deutschen Grundgesetz zitiert, sollte die freie Entfaltung der Persönlichkeit oberste Priorität besitzen. Sowohl in der realen Welt wie auch im Internet. Daher ist es von großer Bedeutung, selbst über die eigenen Daten entscheiden zu dürfen, oder sich bewusst zu sein, dass ein Dienst wie Facebook die eigenen Daten zur Optimierung seiner Leistung verwendet und zur Optimierung des Gewinns auch Daten an Dritte weitergibt.

So gibt es in der US-Universitätsstadt Santa Cruz bereits das Verfahren des predictive policing, also die vorhersehende Polizeiarbeit. Dort stellen Algorithmen die Einsatzpläne von Polizisten auf, in dem sie prognostizieren, wann und wo in der Stadt die meisten Diebe und Gewalttäter unterwegs sein werden.

In Chicago kennt die Polizei schon diejenigen Bürger, welche laut Algorithmen potenziell eine Straftat begehen könnten. Anschließend folgt ein polizeilicher Besuch und eine ausgesprochene Warnung gegenüber den vorgeschlagenen Tätern.

Big Data ist in dieser Hinsicht nur das Mittel zum Zweck der Datenbeschaffung. Es mag zwar etwas plump ausgedrückt klingen, aber Big Data an sich ist nicht „böse“.

Big Data wird zum Beispiel am CERN, dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt angewendet, um Experimente mit Resultaten in Petabyte-Größe auszuwerten, um schließlich einen genaueren Einblick auf unser Universum zu erlangen.

Jaron Lanier hingegen plädiert in all seinen Büchern für das Recht des Menschen, im Internet die oberste Stellung in der digitalen Gesellschaft einzunehmen.

Wie ich in der Einleitung zitierte (Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S.30), haben nur Menschen im Internet Sinn und Bedeutung. Dies sollte die oberste Richtlinie bei allen Einrichtungen im Internet sein.

Bei der Generierung neuer Daten sollte stets deren Schöpfer im Mittelpunkt stehen, nicht die Daten an sich. Wenn jemand einzigartige Information erzeugt und diese ohne ihren Schöpfer aus ihrem Ursprungsort extrahiert wurde, so hat sie keine Bedeutung mehr, denn sie steht für sich allein. Das wäre ungefähr so, als ob jemand meine Jahresarbeit entwenden und ohne Quellenangabe in eine Bibliothek stellen würde. Damit also das Internet einen Sinn bekommt, muss man die Menschen und ihre Persönlichkeiten darin wahrnehmen können. Dies sollte am besten durch individuelle Gestaltungsweisen der eigenen Persönlichkeit erfolgen und nicht durch Designstandards, wie sie ein soziales Netzwerk beispielsweise hervorbringt. Dann wäre auch eine andere Wahrnehmung der Leute im Netz untereinander denkbar, eine sehr viel individuellere. Dies wäre dann auch der Sieg der Individualität über die Individualisierung. Davon berichte ich noch etwas im dritten Kapitel, in welchem ich konkret untersuchen werde, wo im Internet Individualität am stärksten wahrzunehmen ist (Xanadu).

Zusammengefasst stelle ich fest, dass ich das Streben nach Individualität für mich auch mit der Suche nach dem Sinn des Lebens verbunden ist und dass ich das Internet hier für eine bereichernde Erweiterung des Lebens halte.

In meinem ersten Unterpunkt, „Der Kreis der Empathie“, erläuterte ich, wie sich Personen im Internet wahrnehmen und wertschätzen sollten. Wir sollten im Internet nur diejenigen zu unseren Freunden zählen, die wir auch von außerhalb kennen oder denen wir von der Authentizität her vertrauen.

Anonymität habe ich dann als Gegenteil von Empathie angesehen, denn wenn wir anonym sind, nimmt keiner das „wahre Ich“ zur Kenntnis und niemand hat eine Ahnung, wer wir wirklich sind. Dies kann zu Trolling und zu einer sinnlosen Streit- und Diskussionskultur führen, hilft aber vielleicht verfolgten Menschen, unbehelligt ihre Meinung äußern zu dürfen. Die Ursache von Trolling liegt laut Jaron Lanier an der Mühelosigkeit des Erschaffens von Pseudonymen. Je leichter es fällt, ein Pseudonym zu kreieren, desto größer ist die Gefahr des Trollens.

Anschließend widmete ich mich dem Begriff von Big Data und fand heraus, dass Big Data für das Internet eine fundamentale Bedeutung besitzt, denn ansonsten würden wir Menschen von einer Unmenge sinnloser Daten überflutet werden. Internetkonzerne wie Facebook und Google nutzen Big Data, um die Interessen und Vorlieben ihrer Kunden zu erfahren und eventuell auszunutzen. Die Weitergabe von Daten ihrer Kunden verstößt gegen das deutsche Recht der „informationellen Selbstbestimmung“, jedoch ist es nicht effektiv, nur ein regionales Gesetz zu entwerfen – das Internet ist eine globale Sache.

Ich fand außerdem heraus, dass das Sinngebende im Internet die realen Personen sind, denn ohne Personen haben Informationen keinen Wert. Damit ergründete ich einen wichtigen Leitsatz, nämlich dass nur Menschen im Internet Sinn und Bedeutung besitzen.

Das Beitragsbild zeigt eine interessante Umsetzung von Big Data.

1.2 Anonymität und ihre Auswirkungen auf die Individualität

1.2 Anonymität und ihre Auswirkungen auf die Individualität

Anonymität ist ein abstraktes Designmerkmal des Web, welches es uns erschwert, Individuen wahrzunehmen. Ich spiele hier auf das Zitat von Jaron Lanier an, das ich schon in der Einleitung benutzte: „Der zentrale Fehler der neueren digitalen Kultur liegt in dem Bestreben, ein Netzwerk von Individuen so fein zu zergliedern, daß am Ende nur ein Brei übrigbleibt. Dann beginnt man, mehr auf die abstrakten Merkmale des Netzwerks als auf die realen, im Netzwerk zusammengeschlossenen Menschen zu achten, obwohl das Netzwerk selbst weder Sinn noch Bedeutung kennt. Nur Menschen haben Sinn und Bedeutung.“ (s. Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S. 30)

Die Namenlosigkeit gehört im Internet zweifellos zu den auffälligeren Dingen. Oft lacht man über ausgedachte lustige Namen in Kommentaren oder in sozialen Netzwerken. Kaum jemand benutzt seinen richtigen Namen, wenn auch die Form von z. B. Richard A. einigermaßen häufig anzutreffen ist. Dies ist der Punkt, an welchem man beginnt, mehr auf die abstrakten Merkmale zu achten. So kann man den Sinn, weshalb man eigentlich zu dem Chat/ den Kommentaren etwas beitragen möchte, leicht aus den Augen verlieren.

Anonyme Schreiber schließen wir auch nicht in den Kreis der Empathie ein, außer wir kennen den Schreiber außerhalb des Internets.

Die Tatsache, dass der wahre Name unbekannt ist, gibt ein sicheres Gefühl. Uns wurde das so beigebracht: „Niemals den eigenen Namen jemandem verraten, der dir selbst unbekannt ist!“

Der Name ist ein sehr starker Teil unserer Persönlichkeit. Niemandem entgeht die Erwähnung des eigenen Namens. Fällt der Name weg, ist auch ein Teil der eigenen Persönlichkeit verschwunden.

Beim Schreiben drücken wir uns dann freier und ungezwungener aus. Es ist im Prinzip wie auf einem Maskenball.

Pro: Anonymität hilft in Fällen von Stalking. Verfolgte Frauen z. B. können sich im Internet durch Anonymität besser schützen.

Ein wichtiger Punkt von Anonymität ist auch, dass man ohne Gruppenzwang sagen kann, was man wirklich über einen Sachverhalt denkt. Dies ist eine nützliche Eigenschaft der Anonymität, die es schon vor dem Internet gegeben hat, nämlich in Form von demokratischen Wahlen.

Contra: Eine weitaus offenere Diskussionsart wäre möglich, wenn es nicht noch die negative Seite von Anonymität im Internet geben würde: Trolling.

Die Webseite Urbandictionary beschreibt Trollen (frei aus dem Englischen übersetzt) als:

„Die Kunst, jemanden vorsätzlich, clever und heimlich zu vergraulen, gewöhnlich über das Internet. Trollen bedeutet nicht, einfach nur ungezogene Bemerkungen zu machen: jemanden mit Schimpfwörtern zu überhäufen zählt nicht als Trolling; das ist nur drohen, und ist nicht lustig. Spam ist auch nicht Trolling; das vergrault die Leute zwar, ist aber langweilig. Die wichtigste Seite beim Trolling ist, das Opfer zu überzeugen, dass

a) wahres Vertrauen entsteht, egal ob begründet oder nicht

b) man dem Opfer heimtückische Anweisungen gibt, als Hilfe verkleidet.

Trolling erfordert Betrug; jedes Trolling welches keinen Betrug gegenüber jemandem beinhaltet, ist kein wirkliches Trolling; es ist einfach idiotisch. Auf keinen Fall darf dein Opfer wissen, dass du trollst; wenn es das tut, bist du ein unerfolgreicher Troll.

Zeichen, dass dein Trolling erfolgreich ist:

Dein Opfer schreit dich (im metaphorischen Sinne) an.

Persönliche Angriffe, wie Bezeichnungen als Depp, Idiot etc.“

Solange Anonymität auf beiden Seiten herrscht, mag das Verhältnis noch einigermaßen ausgewogen erscheinen. Wirklich beängstigende Züge nimmt es allerdings an, wenn der Troll anonym, das Opfer dagegen bekannt ist. Jaron Lanier wettert in einer sehr langen Beispielliste gegen Trolle: „Ein weiteres bekanntes Beispiel dieser Art von Quälerei betraf die Eltern von Mitchell Henderson, einem Jungen, der Selbstmord begangen hatte. Man schickte ihnen ekelhafte Audio-Video-Kreationen und andere Machwerke, wie man sie mit den Tools herstellen kann, die virtuellen Sadisten heute zu Verfügung stehen. Manche schicken auch Epileptikern grell blitzende Webdesigns in der Hoffnung, dadurch einen Anfall auszulösen. (…)

Die sadistische Online-Kultur besitzt ihr eigenes Vokabular und gehört inzwischen zum Mainstream. So verweist etwa der weitverbreitete Ausdruck ‚Lulz‘ (eine Abwandlung von ‚Lol‘: Laugh out loud – lautes Gelächter) auf das Vergnügen, andere über die Cloud leiden zu sehen.“ (Gadget, wie oben, S. 86-87)

Es gab bereits eine Reihe von Studien zu dem Thema. Die Studie von Phillips & Butt 2006 ergab, dass unsympathischere Menschen und Außenseiter mehr moderne Technik nutzen, aber eher zur Unterhaltung statt zum Sozialisieren. Eine Studie von Zweig, Dank, Yahner & Lachman ergab 2013, dass vor allem Männer zu Trollen werden und online mehr asoziales Verhalten an den Tag legen als Frauen.

Trolling ist für einen geschulten Menschen auf den zweiten Blick fast immer zu erkennen. Es gibt hier nämlich häufig wiederkehrende Running-Gags, die, einmal in die virtuelle Welt gesetzt, ihrem Schöpfer entrissen und zu Dauerhits wurden, genannt Memes.

So wird auf der Videoplattform Youtube in den Kommentaren häufig gefragt, welcher Song in einem Video verwendet wurde. Auf diese Frage wurde von tausenden Nutzern, ganz egal bei welchem Video, der Song „Sandstorm“ des finnischen DJs Darude angegeben.

Wenn dies einem Nutzer zum ersten Mal begegnet, glaubt er es vielleicht noch. Aber beim zweiten oder spätestens beim dritten Mal merkt er, dass es nicht jedes Mal derselbe Song sein kann.

Das Musikvideo von „Darude-Sandstorm“ findet sich hier. Man beachte die Kommentare.

Jaron Lanier vermutet in seinem Buch Gadget, dass Trolling von Webseite zu Webseite beträchtlich unterschiedlich ausfallen kann. Dies hänge mit der Mühe des Erstellens eines Pseudonyms zusammen. Auf einer Seite wie Ebay, wo man sich positive Bewertungen mühevoll ergattern muss, gibt es so gut wie kein Trolling. Mit Betrügern muss man zwar immer noch rechnen, aber unnötige beleidigende Diskussionen bleiben erspart. Auf Youtube hingegen, wo man sich spontan ein Pseudonym ausdenken kann, ist die Anzahl der Trolle höher, denn es gibt keine bedenklichen Folgen für die Übeltäter. (Gadget, wie oben, S. 89)

Anonymität ist für die Individualität im Internet also eher hinderlich. Sie bietet zwar Schutz gegen Stalking, aber eben keine vernünftige Diskussionsbasis wegen der Gefahr von Trollen und der Gefahr des Verlusts von Zusammenhängen. Wenn man wirkliche Individualität im Internet wollte, müsste man die Anonymität abschaffen, was unmöglich ist, denn wie will man die Echtheit der Menschen nachprüfen?

Das Beitragsbild zeigt ein bekanntes Meme, das Trollface. Es beschreibt den Gesichtsausdruck eines erfolgreichen Trolls.

1.1 Der Kreis der Empathie

1.1 Der Kreis der Empathie

Die Leute haben verschiedene Namen dafür, Jaron Lanier nennt es den Kreis der Empathie, mit der Begründung, dass „Empathie“ spirituelle Untertöne besitzt (s. Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S. 54 ff).

Andere nutzen Begriffe wie „Sympathie“ oder „Pflicht“. Mir gefällt „Empathie“ gut, denn es geht darum, andere Leute zu erfühlen, wahrzunehmen und wertzuschätzen. Um es drastisch auszudrücken: Wenn sich jemand in unserem Kreis der Empathie befindet, wollen wir nicht, dass jener Mensch getötet wird. Wesen, die nicht in unserem Kreis der Empathie vertreten sind, nehmen wir nicht als eigenständige Individuen wahr. Vegetarier schließen auch Tiere in ihren Kreis der Empathie ein. Dieser Kreis besitzt Grenzen, denn es macht uns allen nichts aus, die Bakterien beim Zähneputzen zu töten.

Die wichtigste Frage bei diesem Kreis ist aber: Wo ziehe ich diese Grenze? Die Beantwortung dieser Frage war auch schon in der prädigitalen Zeit sehr brisant. Man denke nur an die Sklaverei, oder die Judenverfolgung.

In der Zeit des Internets muss man sich diese Frage erneut stellen. Internetkonzerne wie Google, Amazon oder Facebook besitzen meiner Meinung nach keine Empathie, denn Sie sehen die Kunden als Ware, aus der man mittels Werbung mögliches Kapital schlagen kann, und nicht als Personen, wie ich weiter unten in dem Unterpunkt Individualität und Individualisierung erläutern werde.

Wenn man den Internetaustausch zwischen Personen betrachtet, ergeben sich aber auch mancherlei Probleme hinsichtlich der Empathie. Das Chatten erwies sich anfangs als ungemein schwierig für einige Personen, weil sie den Gesprächspartner nicht sehen konnten. Dies trug zur Erfindung des Emoticons bei.

Meiner Meinung nach wäre es wünschenswert, dass im Internet klarer wird, was eine Person ist bzw. welche Person hinter den Informationen steht. Wenn der Internetnutzer das wahrnehmen könnte, hätte er die Möglichkeit zu entscheiden, wen er in seinen Kreis der Empathie einbezieht. Es gibt jedoch Dinge, die uns vorgaukeln, sie wären reale Personen. Dazu zählen alle Formen von künstlicher Intelligenz. Ich denke hier beispielsweise an Bots. Diese Bots sind Programme, die für Server wie reale Personen wirken. Chatbots sind darauf ausgelegt, mit realen Personen zu Chatten und menschliche Gesprächspartner zu simulieren. Webdesigns, wie sie in den Kommentarbereichen von Zeitungen oder Videoportalen vorkommen, unterstützen die Empathie nicht. In Sekunden ist hier ein Account für das Kommentieren erstellt. Viele Seiten erteilen allen Kunden schon bei der Erstellung eines Accounts ein CAPTCHA, also ein Bild, welches meist ein paar wellenförmige Buchstaben und Zahlen zeigt. Bots können diese Bilder nicht verstehen, Menschen dagegen schon und die Lösung dann aufschreiben. Dies unterscheidet uns Menschen im Internet NOCH von solcherart programmierten Bots. Doch der Name ist immer noch frei wählbar, somit auch die Anonymität und das Ablegen bzw. Verdecken des Namens, so dass die Person nicht mehr die Verantwortung für ihre Kommentare oder ähnliches übernehmen muss.

4828083379_c2e117bf56_o      Abbildung 1: Dies ist ein CAPTCHA zum Registrieren in einen Blog. Die richtige Lösung wäre hier: „expressing Klaess“.

Ohne die realen Menschen haben auch die Bots keinen Sinn. In unserem Kreis der Empathie im Internet sollten also nur reale Personen vertreten sein, welche wir auch außerhalb des Internets kennen oder denen wir von ihrer Authentizität her Vertrauen entgegenbringen. Nicht vertreten sein sollten Konzerne, Formen von künstlicher Intelligenz (z.B. Bots, siehe oben) oder völlig Unbekannte, die wir nicht beurteilen können.

Das Beitragsbild zeigt einen handgezeichneten „Bot“.