Anonymität ist ein abstraktes Designmerkmal des Web, welches es uns erschwert, Individuen wahrzunehmen. Ich spiele hier auf das Zitat von Jaron Lanier an, das ich schon in der Einleitung benutzte: „Der zentrale Fehler der neueren digitalen Kultur liegt in dem Bestreben, ein Netzwerk von Individuen so fein zu zergliedern, daß am Ende nur ein Brei übrigbleibt. Dann beginnt man, mehr auf die abstrakten Merkmale des Netzwerks als auf die realen, im Netzwerk zusammengeschlossenen Menschen zu achten, obwohl das Netzwerk selbst weder Sinn noch Bedeutung kennt. Nur Menschen haben Sinn und Bedeutung.“ (s. Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S. 30)

Die Namenlosigkeit gehört im Internet zweifellos zu den auffälligeren Dingen. Oft lacht man über ausgedachte lustige Namen in Kommentaren oder in sozialen Netzwerken. Kaum jemand benutzt seinen richtigen Namen, wenn auch die Form von z. B. Richard A. einigermaßen häufig anzutreffen ist. Dies ist der Punkt, an welchem man beginnt, mehr auf die abstrakten Merkmale zu achten. So kann man den Sinn, weshalb man eigentlich zu dem Chat/ den Kommentaren etwas beitragen möchte, leicht aus den Augen verlieren.

Anonyme Schreiber schließen wir auch nicht in den Kreis der Empathie ein, außer wir kennen den Schreiber außerhalb des Internets.

Die Tatsache, dass der wahre Name unbekannt ist, gibt ein sicheres Gefühl. Uns wurde das so beigebracht: „Niemals den eigenen Namen jemandem verraten, der dir selbst unbekannt ist!“

Der Name ist ein sehr starker Teil unserer Persönlichkeit. Niemandem entgeht die Erwähnung des eigenen Namens. Fällt der Name weg, ist auch ein Teil der eigenen Persönlichkeit verschwunden.

Beim Schreiben drücken wir uns dann freier und ungezwungener aus. Es ist im Prinzip wie auf einem Maskenball.

Pro: Anonymität hilft in Fällen von Stalking. Verfolgte Frauen z. B. können sich im Internet durch Anonymität besser schützen.

Ein wichtiger Punkt von Anonymität ist auch, dass man ohne Gruppenzwang sagen kann, was man wirklich über einen Sachverhalt denkt. Dies ist eine nützliche Eigenschaft der Anonymität, die es schon vor dem Internet gegeben hat, nämlich in Form von demokratischen Wahlen.

Contra: Eine weitaus offenere Diskussionsart wäre möglich, wenn es nicht noch die negative Seite von Anonymität im Internet geben würde: Trolling.

Die Webseite Urbandictionary beschreibt Trollen (frei aus dem Englischen übersetzt) als:

„Die Kunst, jemanden vorsätzlich, clever und heimlich zu vergraulen, gewöhnlich über das Internet. Trollen bedeutet nicht, einfach nur ungezogene Bemerkungen zu machen: jemanden mit Schimpfwörtern zu überhäufen zählt nicht als Trolling; das ist nur drohen, und ist nicht lustig. Spam ist auch nicht Trolling; das vergrault die Leute zwar, ist aber langweilig. Die wichtigste Seite beim Trolling ist, das Opfer zu überzeugen, dass

a) wahres Vertrauen entsteht, egal ob begründet oder nicht

b) man dem Opfer heimtückische Anweisungen gibt, als Hilfe verkleidet.

Trolling erfordert Betrug; jedes Trolling welches keinen Betrug gegenüber jemandem beinhaltet, ist kein wirkliches Trolling; es ist einfach idiotisch. Auf keinen Fall darf dein Opfer wissen, dass du trollst; wenn es das tut, bist du ein unerfolgreicher Troll.

Zeichen, dass dein Trolling erfolgreich ist:

Dein Opfer schreit dich (im metaphorischen Sinne) an.

Persönliche Angriffe, wie Bezeichnungen als Depp, Idiot etc.“

Solange Anonymität auf beiden Seiten herrscht, mag das Verhältnis noch einigermaßen ausgewogen erscheinen. Wirklich beängstigende Züge nimmt es allerdings an, wenn der Troll anonym, das Opfer dagegen bekannt ist. Jaron Lanier wettert in einer sehr langen Beispielliste gegen Trolle: „Ein weiteres bekanntes Beispiel dieser Art von Quälerei betraf die Eltern von Mitchell Henderson, einem Jungen, der Selbstmord begangen hatte. Man schickte ihnen ekelhafte Audio-Video-Kreationen und andere Machwerke, wie man sie mit den Tools herstellen kann, die virtuellen Sadisten heute zu Verfügung stehen. Manche schicken auch Epileptikern grell blitzende Webdesigns in der Hoffnung, dadurch einen Anfall auszulösen. (…)

Die sadistische Online-Kultur besitzt ihr eigenes Vokabular und gehört inzwischen zum Mainstream. So verweist etwa der weitverbreitete Ausdruck ‚Lulz‘ (eine Abwandlung von ‚Lol‘: Laugh out loud – lautes Gelächter) auf das Vergnügen, andere über die Cloud leiden zu sehen.“ (Gadget, wie oben, S. 86-87)

Es gab bereits eine Reihe von Studien zu dem Thema. Die Studie von Phillips & Butt 2006 ergab, dass unsympathischere Menschen und Außenseiter mehr moderne Technik nutzen, aber eher zur Unterhaltung statt zum Sozialisieren. Eine Studie von Zweig, Dank, Yahner & Lachman ergab 2013, dass vor allem Männer zu Trollen werden und online mehr asoziales Verhalten an den Tag legen als Frauen.

Trolling ist für einen geschulten Menschen auf den zweiten Blick fast immer zu erkennen. Es gibt hier nämlich häufig wiederkehrende Running-Gags, die, einmal in die virtuelle Welt gesetzt, ihrem Schöpfer entrissen und zu Dauerhits wurden, genannt Memes.

So wird auf der Videoplattform Youtube in den Kommentaren häufig gefragt, welcher Song in einem Video verwendet wurde. Auf diese Frage wurde von tausenden Nutzern, ganz egal bei welchem Video, der Song „Sandstorm“ des finnischen DJs Darude angegeben.

Wenn dies einem Nutzer zum ersten Mal begegnet, glaubt er es vielleicht noch. Aber beim zweiten oder spätestens beim dritten Mal merkt er, dass es nicht jedes Mal derselbe Song sein kann.

Das Musikvideo von „Darude-Sandstorm“ findet sich hier. Man beachte die Kommentare.

Jaron Lanier vermutet in seinem Buch Gadget, dass Trolling von Webseite zu Webseite beträchtlich unterschiedlich ausfallen kann. Dies hänge mit der Mühe des Erstellens eines Pseudonyms zusammen. Auf einer Seite wie Ebay, wo man sich positive Bewertungen mühevoll ergattern muss, gibt es so gut wie kein Trolling. Mit Betrügern muss man zwar immer noch rechnen, aber unnötige beleidigende Diskussionen bleiben erspart. Auf Youtube hingegen, wo man sich spontan ein Pseudonym ausdenken kann, ist die Anzahl der Trolle höher, denn es gibt keine bedenklichen Folgen für die Übeltäter. (Gadget, wie oben, S. 89)

Anonymität ist für die Individualität im Internet also eher hinderlich. Sie bietet zwar Schutz gegen Stalking, aber eben keine vernünftige Diskussionsbasis wegen der Gefahr von Trollen und der Gefahr des Verlusts von Zusammenhängen. Wenn man wirkliche Individualität im Internet wollte, müsste man die Anonymität abschaffen, was unmöglich ist, denn wie will man die Echtheit der Menschen nachprüfen?

Das Beitragsbild zeigt ein bekanntes Meme, das Trollface. Es beschreibt den Gesichtsausdruck eines erfolgreichen Trolls.

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Ein Gedanke zu “1.2 Anonymität und ihre Auswirkungen auf die Individualität

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