Im Internet erfolgt „Individualisierung“ zur heutigen Zeit leider hauptsächlich durch Algorithmen, welche alle Daten, die wir von uns preisgeben, sammeln und analysieren. Ich definiere Individualisierung hier als eine nicht von der eigenen Person ausgehende Hervorhebung des Einzigartigen. Individualität hingegen geht von der eigenen Person aus, am Anfang des Kapitels hatte ich die Gründe dafür geschildert.

Der Begriff „Algorithmus“ leitet sich vom Namen des persischen Gelehrten Mohammed al-Chwarizmi ab und bezeichnet eine Berechnungsvorschrift, welche bestimmt, wie die verfügbaren Daten zu berechnen sind und was auf deren Grundlage weiter geschehen sollte.

Diese Algorithmen müssen für die Individualisierung auf sehr große Datenmengen angewandt werden. Dies ist erst mit den jüngsten technologischen Entwicklungen möglich, welche unter dem Begriff Big Data bekannt geworden sind.

Die Entstehungsgeschichte von Big Data in ihrer heutigen Form ist folgende: Ein amerikanischer Informatiker und Computerpionier, Peter James Denning, sagte bereits 1990, dass es möglich wäre Maschinen zu bauen, welche mit dem enormen und rasant steigenden Datenfluss umgehen und Datenmuster voraussagen könnten, allerdings ohne den Sinn der Daten zu verstehen. Solche Maschinen könnten eventuell mit solch gewaltigen Datenmengen in Realzeit umgehen.

1997 stellte der Informatiker Michael Lesk in einem Artikel „How much information is there in the world?“ (dt: „Wie viele Informationen gibt es auf der Welt?“) fest, dass man in ein paar Jahren fähig sei, jede Information zu speichern, damit keine verloren gehe, sowie dass ein normales Stück Information nicht mehr von einem Menschen begutachtet werden würde.

Der Informatikprofessor Peter Lyman und der Wirtschaftswissenschaftler Hal Ronald Varian veröffentlichten im Jahr 2000 die Studie „How much information?“ (dt. „Wie viel Information?“). Die Studie schlussfolgerte, dass im Jahr 1999 auf der ganzen Welt 1,5 Exabytes an einzigartiger Information produziert wurden. 1 Exabyte = 1000 Petabytes, 1 Petabyte = 1000 Terabytes, 1 Terabyte = 1000 Gigabytes. Also entspricht ein Exabyte 1 Trillion (1 000 000 000 000 000 000) Bits.

Sie stellten außerdem fest, dass ein erheblicher Teil der Information von Individuen erschaffen und gelagert wurde, was die Studie mit „Democratization of Data“, deutsch: „Demokratisierung der Daten“ betitelt. Eine spätere Studie mit dem gleichen Ziel und von dem selben Team ermittelte für 2002 eine Summe von etwa 5 Exabytes an neu geschaffener Information.

Die Studie von Lyman und Varian hob die von Individuen geschaffenen Daten hervor und nannte den Vorgang „Demokratisierung der Daten“. Dies ist, wie ich finde, ein sehr gut gewählter Begriff. Die Demokratisierung einer Gesellschaft bedeutet, dass jeder volljährige Bürger ein Wahlrecht hat, wodurch er über die Bildung der Regierung mit entscheiden darf. Übertragen auf die Daten heißt das:

Jeder Internetnutzer erzeugt einzigartige Informationen ( ist Teil der „Gesellschaft“) und hat ein Recht, über die Gestaltung der eigenen virtuellen Individualität mit zu entscheiden und wird nicht von anderen Webeinrichtungen individualisiert.

Im Februar 2001 veröffentlichte der Analytiker Doug Laney einen Forschungsbericht,

3 D Data Management: Controlling Data Volume, Velocity, and Variety.

Deutsch: „3 D Datenmanagement: Die Überprüfung von Datenmenge, Datengeschwindigkeit und Datenvielfalt.“ der die später allgemein anerkannten drei Dimensionen von Big Data beinhalten sollte, obwohl Laney selbst den Begriff Big Data in dem Forschungsbericht nicht gebraucht. Er stellt in dem Bericht folgende Dimensionen von Big Data vor: Volume, Velocity, Variety, deutsch: Menge, Geschwindigkeit, Vielfalt.

Volume (Menge) bedeutet hier, eine Kontrolle über relevante Informationen, Auslagerung, Redundanzvermeidung und Durchführung von statistischen Stichproben.

Velocity (Geschwindigkeit) bezeichnet eine Verkürzung der Wartezeit durch Caches oder Entscheidungszyklen.

Variety (Vielfalt) bedeutet die Lösung einander widersprechender Daten und eine Standardformatierung zur allgemeinen Übersichtlichkeit.

Im Mai 2012 veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen Danah Boyd und Kate Crawford den Artikel „Critical Questions for Big Data“, deutsch: „Kritische Fragen um Big Data“. Sie definieren Big Data als „kulturelles, technologisches und wissenschaftliches Phänomen“, das sich auf das Zusammenspiel von 3 Faktoren stützt:

(1) Technologie; das Sammeln, Analysieren, Verlinken und Vergleichen von großen Datensätzen, unter Einsatz von maximierter Rechenkapazität und der Genauigkeit von Algorithmen,

(2) Analyse; große Datensätze zu Rate ziehen, um Muster zu erkennen, die ökonomische Vorteile erbringen,

(3) Mythologie; den Mythos verbreiten, große Datensätze würden eine höhere Form von Intelligenz und Wissen bieten, welche Einsichten generieren können, die vorher unmöglich schienen, mit einer Aura von Wahrheit, Objektivität und Genauigkeit.

Weitere Informationen zu Big Data.

Jaron Lanier erklärt Big Data folgendermaßen:

Big Data ist der allgegenwärtige Begriff, mit dem die enormen Datenmengen bezeichnet werden, die auf jede erdenkliche Art über alles und jeden gesammelt werden, damit die Algorithmen, die man auch als ‚künstliche Intelligenz‘ bezeichnet, scheinbar von allein funktionieren können. Doch allein die Tatsache, dass man Big Data braucht, zeigt, dass die Algorithmen nur eine andere Form menschlicher Tätigkeit sind – eine anonyme Form menschlicher Tätigkeit, bei der die tätigen Menschen nicht gewürdigt oder bezahlt werden. Big Data und die künstliche Intelligenz sind wirtschaftliche und politische Konstruktionen, die die meisten Menschen entrechten.“ (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 16)

So wird gezielt individuelle Werbung geschaltet, die aus den individuellen Suchverläufen und Mitteilungen einer Person resultiert.

Big Data ist im Internet die Nutzung individueller Daten, wie sie im Bereich der Wirtschaft, also des Konsumverhaltens, vorgenommen wird. Dies mag bequem erscheinen, denn so müssen wir nicht mehr so lange nach dem suchen was uns gefällt. Werbung zu bekommen, die uns wirklich interessiert, wäre doch eigentlich ganz angenehm. Jedoch fördert Big Data damit die Individualisierung und es kann passieren, dass es nicht mehr zur eigenen Darstellung der Individualität kommt und wir uns ganz auf die Algorithmen verlassen.

Big Data wird von Internetkonzernen wie Google, Facebook oder Amazon genutzt. Auf fast jeder Webseite ist Google im Hintergrund präsent und verfolgt die Aktionen der Besucher.

Allerdings hatte das Bundesverfassungsgericht in einem Volkszählungsurteil vom 15.12.1983 bereits festgestellt, dass jeder Deutsche ein Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ hat. „Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung (Grundrecht auf Datenschutz) gewährleistet das Recht des einzelnen, grundsätzlich über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen.“ Facebook änderte am 30. Januar 2015 seine Geschäftsbedingungen dahingehend, dass es nun nicht mehr nur über den „Like“-Button die Interessen des Nutzers feststellt, sondern über viele Websites und Apps dem Nutzer folgt und dabei den physischen Standort des Nutzers mehr einfließen lässt. Ist der Nutzer zum Beispiel öfter auf Fußball-Seiten unterwegs, erhält er individualisierte Werbung vom nächsten Sportladen.

Zu den geänderten Geschäftsbedingungen von Facebook meinte die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff, obwohl Daten von deutschen Facebooknutzern erhoben und verwendet werden, habe sie als Bundesdatenschutzbeauftragte in sozialen Netzwerken keine Kontrollbefugnisse, eine Untersuchung könne daher auch nicht von ihr eingeleitet werden. Die Datenschutzaufsicht wäre zuerst eine Aufgabe der irischen Datenschutzbehörde, denn laut Auskunft von Facebook Inc. sei Facebook Ltd. in Irland die verantwortliche Stelle für Datenverarbeitung in Europa.

Mit der Verweigerung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung machen Facebook und Co. aus meiner Sicht einen Teil der Persönlichkeit abspenstig und ich würde sagen, dass sie ihre Kunden wahrscheinlich eher als Ware sehen, aus der man mit Werbung Kapital schlagen kann.

Das heißt, wir geben viel von unserer Persönlichkeit preis, ohne es zu wollen, indem Internetkonzerne die Daten jedes einzelnen Nutzers sammeln und analysieren, folglich uns auch individualisieren.

Wie in der Einleitung vom deutschen Grundgesetz zitiert, sollte die freie Entfaltung der Persönlichkeit oberste Priorität besitzen. Sowohl in der realen Welt wie auch im Internet. Daher ist es von großer Bedeutung, selbst über die eigenen Daten entscheiden zu dürfen, oder sich bewusst zu sein, dass ein Dienst wie Facebook die eigenen Daten zur Optimierung seiner Leistung verwendet und zur Optimierung des Gewinns auch Daten an Dritte weitergibt.

So gibt es in der US-Universitätsstadt Santa Cruz bereits das Verfahren des predictive policing, also die vorhersehende Polizeiarbeit. Dort stellen Algorithmen die Einsatzpläne von Polizisten auf, in dem sie prognostizieren, wann und wo in der Stadt die meisten Diebe und Gewalttäter unterwegs sein werden.

In Chicago kennt die Polizei schon diejenigen Bürger, welche laut Algorithmen potenziell eine Straftat begehen könnten. Anschließend folgt ein polizeilicher Besuch und eine ausgesprochene Warnung gegenüber den vorgeschlagenen Tätern.

Big Data ist in dieser Hinsicht nur das Mittel zum Zweck der Datenbeschaffung. Es mag zwar etwas plump ausgedrückt klingen, aber Big Data an sich ist nicht „böse“.

Big Data wird zum Beispiel am CERN, dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt angewendet, um Experimente mit Resultaten in Petabyte-Größe auszuwerten, um schließlich einen genaueren Einblick auf unser Universum zu erlangen.

Jaron Lanier hingegen plädiert in all seinen Büchern für das Recht des Menschen, im Internet die oberste Stellung in der digitalen Gesellschaft einzunehmen.

Wie ich in der Einleitung zitierte (Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Berlin 2010, S.30), haben nur Menschen im Internet Sinn und Bedeutung. Dies sollte die oberste Richtlinie bei allen Einrichtungen im Internet sein.

Bei der Generierung neuer Daten sollte stets deren Schöpfer im Mittelpunkt stehen, nicht die Daten an sich. Wenn jemand einzigartige Information erzeugt und diese ohne ihren Schöpfer aus ihrem Ursprungsort extrahiert wurde, so hat sie keine Bedeutung mehr, denn sie steht für sich allein. Das wäre ungefähr so, als ob jemand meine Jahresarbeit entwenden und ohne Quellenangabe in eine Bibliothek stellen würde. Damit also das Internet einen Sinn bekommt, muss man die Menschen und ihre Persönlichkeiten darin wahrnehmen können. Dies sollte am besten durch individuelle Gestaltungsweisen der eigenen Persönlichkeit erfolgen und nicht durch Designstandards, wie sie ein soziales Netzwerk beispielsweise hervorbringt. Dann wäre auch eine andere Wahrnehmung der Leute im Netz untereinander denkbar, eine sehr viel individuellere. Dies wäre dann auch der Sieg der Individualität über die Individualisierung. Davon berichte ich noch etwas im dritten Kapitel, in welchem ich konkret untersuchen werde, wo im Internet Individualität am stärksten wahrzunehmen ist (Xanadu).

Zusammengefasst stelle ich fest, dass ich das Streben nach Individualität für mich auch mit der Suche nach dem Sinn des Lebens verbunden ist und dass ich das Internet hier für eine bereichernde Erweiterung des Lebens halte.

In meinem ersten Unterpunkt, „Der Kreis der Empathie“, erläuterte ich, wie sich Personen im Internet wahrnehmen und wertschätzen sollten. Wir sollten im Internet nur diejenigen zu unseren Freunden zählen, die wir auch von außerhalb kennen oder denen wir von der Authentizität her vertrauen.

Anonymität habe ich dann als Gegenteil von Empathie angesehen, denn wenn wir anonym sind, nimmt keiner das „wahre Ich“ zur Kenntnis und niemand hat eine Ahnung, wer wir wirklich sind. Dies kann zu Trolling und zu einer sinnlosen Streit- und Diskussionskultur führen, hilft aber vielleicht verfolgten Menschen, unbehelligt ihre Meinung äußern zu dürfen. Die Ursache von Trolling liegt laut Jaron Lanier an der Mühelosigkeit des Erschaffens von Pseudonymen. Je leichter es fällt, ein Pseudonym zu kreieren, desto größer ist die Gefahr des Trollens.

Anschließend widmete ich mich dem Begriff von Big Data und fand heraus, dass Big Data für das Internet eine fundamentale Bedeutung besitzt, denn ansonsten würden wir Menschen von einer Unmenge sinnloser Daten überflutet werden. Internetkonzerne wie Facebook und Google nutzen Big Data, um die Interessen und Vorlieben ihrer Kunden zu erfahren und eventuell auszunutzen. Die Weitergabe von Daten ihrer Kunden verstößt gegen das deutsche Recht der „informationellen Selbstbestimmung“, jedoch ist es nicht effektiv, nur ein regionales Gesetz zu entwerfen – das Internet ist eine globale Sache.

Ich fand außerdem heraus, dass das Sinngebende im Internet die realen Personen sind, denn ohne Personen haben Informationen keinen Wert. Damit ergründete ich einen wichtigen Leitsatz, nämlich dass nur Menschen im Internet Sinn und Bedeutung besitzen.

Das Beitragsbild zeigt eine interessante Umsetzung von Big Data.

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4 Gedanken zu “1.3 Individualität und Individualisierung

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