Der französische Psychologe und Soziologe Gustave Le Bon befasste sich bereits 1911 in seinem Werk „Psychologie der Massen“ mit den „Allgemeinen Kennzeichen der Massen“ und dem „psychologischen Gesetz von ihrer seelischen Einheit“. Obwohl er in seinem Buch einige sehr veraltete Ansichten vertritt („überall sind die Massen weibisch“), (Zitat S.43) und das „drohende Hereinbrechen des Sozialismus“ als „unmittelbare Folge starker Eindrücke auf die Phantasie der Massen“ sieht (S.70), hat er nichtsdestotrotz Gedanken über die „Masse“ geäußert, die für die Untersuchung des Verhaltens virtueller Kollektive interessant sind. Er schreibt in seinem Buch von einem Begriff der Massenseele und arbeitet die Merkmale der psychologischen Masse heraus: (S. 32-f.)

„… welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie [die Masse] bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigungen, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zu Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln würde. Es gibt gewisse Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen einzeln auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.“ (Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Nikol, Hamburg, 2011)

Nun ist die Frage, unter welchen Umständen sich so eine Gemeinschaftsseele bildet und ob sie sich auch in meinem Untersuchungsobjekt, also im Internet, bilden kann. Gustave Le Bon meint, dass zum Beispiel ein großes nationales Ereignis eine Massenseele entstehen lassen kann (S.30). Nationale Ereignisse mögen auch heute noch eine große Rolle spielen, im Bereich des Sports beispielsweise. Im Internet entstehen „Massenseelen“ meiner Meinung nach durch virale Videos (z. B. Gangnam Style, dem bis jetzt meist-geklickten Video auf YouTube), und auf Seiten wie 4chan, wo es in kurzer Zeit zu einem vom Charakter her ähnlichen Ereignis wie dem von Gustave Le Bon geschilderten „nationalen Großereignis“ kommen kann. Solche Ereignisse geschehen meist dann, wenn etwas im Internet geschieht, das den Motiven dieser „Anonymous-Mentalität“ widerspricht, so z. B. die Unterdrückung von Meinungs- und Informationsfreiheit.

Als Ausdruck dieses Missfallens kann man Protestaktionen wie DDOS-Angriffe sehen (die Überlastung der maximalen Bandbreitenkapazität eines „feindlichen“ Servers durch eine Masse von Rechnern mit zusammengenommen größerer Bandbreite), oder trollhafte Aktionen wie die oben schon beschriebene, die auf die Missstände in Nordkorea hinweisen wollte. Shitstorms (die ich im nächsten Kapitel unter den sozialen Netzwerken genauer erkläre) können auch als Ausdrucksform des virtuellen Kollektivs gesehen werden. Anonymität ist dabei ein beschleunigender Faktor, denn so wird die Hemmschwelle gegen solche Feindseligkeiten herabgesetzt und man kann trollen wie man will, ohne sich zur Rechenschaft ziehen lassen zu müssen.

Ein weiteres generelles Verhaltensmerkmal von Kollektiven ist das sogenannte Risikoschub-Phänomen (im englischen Original: risky shift).

Begonnen 1961 (J.A.F Stoner: Ein Vergleich von individuellen und Gruppenentscheidungen unter Einbeziehung von Risiko), wurde in einer langen Reihe von Experimenten bewiesen, dass in Gruppen häufig ein größerer Hang zu Risikofreudigkeit besteht, als es bei einem Individuum der Fall wäre. In einer bedeutenden Folgearbeit Stoners durch Wallach, Kogan & Bem, 1962 wurde mit Kleinstgruppen von sechs Personen gearbeitet. In einem zweistündigen Versuch wurden Studenten mit einem Fragebogen konfrontiert, in dem zwölf Problemsituationen geschildert waren, für welche es jeweils zwei Lösungen gab, eine riskanter als die andere. Die riskantere Alternative hatte aber im Falle des Gelingens einen positiveren Ausgang. Hier zwei Beispielfragen:

„(2) Ein Mann mit einer schweren Herzerkrankung hat die Wahl, entweder seine alltägliche Lebensführung ernstlich einzuschränken oder aber sich einer schwierigen Operation zu unterziehen, die ihn völlig wiederherstellen kann, im ungünstigen Fall aber tödlich endet.

(8) Ein älterer Student mit beträchtlicher musikalischer Begabung hat die Wahl zwischen dem sicheren Ausbildungsgang eines Medizinstudiums und anschließender Tätigkeit als Arzt und dem riskanteren Weg einer Karriere als Konzertpianist.“

Die Befragten sollten nun einzeln in Zahlen von 0 bis 10 angeben, mit welchem Wahrscheinlichkeitsgrad des Eintreffens der ungünstigen Alternative sie diese in Kauf nehmen würden. Anschließend wurden die Ergebnisse in Gruppen diskutiert und danach erneut einzeln die Fragebögen durchgegangen. Das Resultat war ein deutliches Anwachsen der Risikoneigung durch die Gruppendiskussion (s. Manfred Sader: Psychologie der Gruppe, Juventa Verlag Weinheim und München, 1976, S. 12ff).

Zwar bestehen Gruppendiskussionen im Internet nicht immer nur aus sechs Teilnehmern, doch die logische Konsequenz daraus ist, dass sich die Risikobereitschaft mit einer größeren Gruppe erhöhen sollte. Ich beziehe mich hier auf die virtuelle Gruppendiskussion in Diskussionsforen oder sozialen Netzwerken.

Das Beitragsbild zeigt eine kopflose Masse. Gibt es einen Anstieg von Risikobereitschaft in der Masse?

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Ein Gedanke zu “2.2 Wie verhält sich ein virtuelles Kollektiv?

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