Xanadu war ein Projekt des Netzwerkpioniers Theodor Holm Nelson, unter anderem auch der Erfinder des Links für digitale Medien. Nelson wollte mit seinem Projekt ab 1960 ein Computernetzwerk mit einer einfachen Benutzeroberfläche aufbauen, noch bevor Tim Berners-Lee mit HTML das World Wide Web in seiner heutigen Form begründete und somit Xanadu übertrumpfte.

Der wichtigste Punkt bei Xanadu war der Gedanke, das Kopieren im Netzwerk vollkommen überflüssig sei, denn in einem Netzwerk sollte das Original immer sofort ersichtlich sein, eine Datei also nur einmal existieren (natürlich würde es immer eine Sicherungskopie geben, aber das wäre ein internes Detail und würde nicht die Erfahrung des Nutzers beeinflussen). Das ist schon ein großer Vorteil gegenüber dem heutigen World Wide Web, denn bei Xanadu können Gedanken so niemals aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen werden. Jetzt geschieht das relativ häufig mit unpassenden Clips von Politikern aus dem Netz, z. B. mit einem Videoclip des ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis, dessen „Stinkefinger“ an Deutschland in einer Sendung von Günther Jauch für Aufsehen gesorgt hatte.

Nelson vertrat in Xanadu besonders die Idee eines Hypertextes, also dass die Nutzer in der Lage sein sollten, alternative Texte aus den ursprünglichen Texten zu machen. Die digitale Technologie machte dieses Verfahren möglich. Heute würden wir unter seiner Vorstellung eines solchen Hypertextes vielleicht ein Mash-Up verstehen, also die Erschaffung neuer Sequenzen aus der Verknüpfung von mehreren Quellen. In Xanadu würde das Original des Mash-Ups aber immer noch erhalten bleiben. Auszüge der Ideen von Xanadu finden sich bereits in verschiedenen Winkeln des Internets. So kann man sich bei Wikipedia die Versionsgeschichte jedes Artikels ansehen, oder Retweets auf Twitter und Reblogs auf Tumblr zurück verfolgen.

Das Original eines Dokuments in Xanadu würde mit einem Zweiwege-Link gekennzeichnet werden, so dass jeder im Netzwerk weiß, wer die eigenen Erzeugnisse verwendet. So würde man alle Webseiten kennen, die auf die eigene Seite verweisen. Als Musiker würde man wissen, welche Personen die selbstgeschaffene Musik in ihren Videos verwenden. Solche Zweiwege-Links sind aber technisch sehr anspruchsvoll, denn man muss sie ständig aktualisieren. Man muss solche Links immer aktualisieren, wenn jemand sein Mash-Up des Dokuments einer anderen Person löscht. Die „gemashte“ Person darf nicht annehmen, der Link zu ihr existiere noch. Diese Aufwendigkeit trug maßgeblich zum Misserfolg von Projekt Xanadu bei. Stattdessen wurde dem simplen HTML mit seinen Einweg-Links der Vorzug gegeben.

Wenn alles im Internet mit Zweiwege-Links gekennzeichnet wäre, könnte man sehr leicht herausfinden, welche Seite für ein bestimmtes Thema am meisten relevant wäre, denn man müsste nur schauen, wohin die meisten Links führen. Stattdessen wurden Suchmaschinen wie Google erfunden die möglichst viele Anzeigekunden anlocken sollen, so Jaron Lanier. Ursprünglich basierte Google auf einem von Google-Gründer Larry Page patentierten Algorithmus, PageRank, der überprüfen sollte, wie gut verlinkt entsprechende Seiten sind und die Seite mit den meisten Links, die auf sie hinweisen, auf der Ergebnisliste nach ganz oben stellt.

Außerdem erstellt Google unabhängig von der Suchabfrage eine Tabelle, wie oft welcher Begriff auf welcher Seite vorkommt. Möglich ist dies mit Hilfe von Big Data, siehe auch Kapitel 1: 1.3 Individualität und Individualisierung. Durch Zweiwege-Links würden Interessenten eines Themengebiets schneller miteinander bekannt als im heutigen Web. Teilweise aus diesem Grund wurden soziale Netzwerke wie Facebook erschaffen, damit Nutzer sich über verschiedene Themengebiete schneller kennenlernen und miteinander verbinden können (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 291-302).

So hat Google sich mit Hilfe seines Algorithmus ein großes Monopol erschaffen. Bei Zweiwege-Links gäbe es so eine Monopolstellung nicht. In Xanadu war stets eine Monetarisierung der eigenen Informationen vorgesehen, es sollten also für jede genutzte Information Kleinstgeldbeiträge in Bruchteilen von Cents an den Eigentümer überwiesen werden. Dies mag sich im ersten Moment nicht geeignet anhören, da wir es nicht gewohnt sind, für das Abrufen einer beliebigen Webseite Geld zu bezahlen, aber ich denke, das ist verkraftbar, denn man selbst stellt dann auch kostenpflichtige Information zur Verfügung. Auch Facebook oder Google müssten unter diesen Bedingungen für die Verwendung der Daten ihrer Nutzer bezahlen. Ein Wissenschaftler könnte seine Thesen im Netz veröffentlichen, und jeder Nutzer könnte für die Originaldaten Geld bezahlen, so dass es sich für den Wissenschaftler über die Jahre sehr lohnen würde. Ähnlich wäre es beim Hochladen eines beliebten humorvollen Videos, womit man an einem Tag ebenfalls sehr viel Geld verdienen könnte (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 135-136).

Zu diesem Kapitel lässt sich zusammenfassend sagen, dass keine der von mir untersuchten Einrichtungen meiner Definition von virtueller Individualität vollständig entspricht. Homepages kommen meiner Auffassung vielleicht am nächsten, denn dort ist man selbst die oberste Instanz und muss sich nicht jemandem unterordnen, der die preisgegebenen Informationen auf andere Zusammenhänge anwendet. Ein eigener Server ist hierbei von Vorteil, so kann man selbst eine große Reichweite erzielen, ohne seine Rechte an jemand anderen abtreten zu müssen. Wenn man also einen eigenen Server hat und die Homepage zu 100% selbst gestaltet, um sich als Individuum selbst darzustellen, ist meine Definition von virtueller Individualität erfüllt.

Xanadu war ein möglicher Weg, Informationen individueller darzustellen und den Netzwerkvorteil wirklich auszuleben – in einem Netzwerk muss man keine Kopien machen, das Original ist doch zugänglich.

Das Beitragsbild porträtiert Theodor „Ted“ Nelson, den Erfinder des Projekts Xanadu.

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Ein Gedanke zu “3.4 Xanadu

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