„Visionen“, setzte er an, „Visionen nennen Leute ihre Ideen, wenn sie noch nicht ganz überzeugt sind, ob sie etwas taugen. Die meisten Visionen werden verworfen.“

Ich hatte mir etwas mehr von ihm, dem profilierten Schriftsteller, erhofft. Aber er war zu verbittert. Wie konnte es anders sein, in einer Gesellschaft, die keinen Wert mehr auf geistiges Eigentum legt?

„Heutzutage brauchst du zum Schreiben keine Visionen mehr. Was viel mehr zählt, ist eine gute Beobachtungsgabe und ein Talent dafür, es so aufzuschreiben, dass die Leute denken, sie hätten einen Mehrwert davon. Es gibt einfach schon zu viele gute Ideen auf dieser Welt. Aber die Welt ist zu verrückt geworden, und jetzt reicht es, wenn wir Aspekte beleuchten, zum Beispiel himmelschreiende Ungerechtigkeiten, die es verdienen, dass man darauf aufmerksam macht, oder das Leben berühmter Leute, und krasse Diebstähle oder so. Der Schlüssel sind eigentlich immer deine Charaktere in den Geschichten. Gestalte sie menschlich, lebendig und interessant, und du kannst einfach nur über ihre Vorstellungen von Sex, Gewalt und Moral schreiben, und die Leute lesen es. Aber man kann eigentlich keine Gesellschaftsutopien mehr schreiben. Wir sind schon in einer der absurdesten Dystopien gefangen, die man sich vorstellen kann. Ach was, eigentlich kann man sich das Ausmaß der Absurdität nicht vorstellen. Im besten Fall lachen die Leute nur noch drüber. Das Ding ist, ich sehe einfach keine realistische Chance, dass sich die Gesellschaft nochmal gravierend ändert. Also was soll’s, Visionen von einer anderen Gesellschaft bringen nichts mehr. Eher endet die Welt, als dass der Kapitalismus endet. This is the way the world ends, not with a bang, but a whimper, hat T. S. Eliot mal gesagt, und ich glaube ihm. Aber das Wimmern hat schon angefangen.“

Seine Worte waren gewaltig und hoffnungslos, er klang wie jemand, der aufgegeben hatte, aber trotzdem noch besonders woke wirken wollte. Er schaute mich erwartungsvoll an, er sah aus wie Sean Connery Ende der Achtzigerjahre aussah, und ich musste lachen. Ich fand keine Widerworte gegen seine Hoffnungslosigkeit, aber ich versuchte mich wieder zu sammeln.

„Was ist mit der wachsenden Empathie“, sagte ich schließlich. „Das ist doch etwas, worauf wir hoffen können. Immer mehr Leute wollen ein gutes Gewissen haben, wollen sich vegetarisch oder vegan ernähren, achten auf die Umwelt, und kaufen Fair Trade Produkte. Es ist ein sehr langsamer Prozess, aber es ist doch ein positiver Prozess.“

Jetzt musste er lachen.

„Leider sind das nur Tropfen auf den heißen Stein. Die meisten Menschen fangen erst an, sich um andere Dinge zu sorgen, wenn es ihnen selbst gut geht. Sorgen um den Klimawandel oder Sklavenarbeiter in Asien und Menschenrechtsverletzungen in Afrika sind sozusagen Luxussorgen. Wenn du dir Gedanken über so was machst, dann hast du Luxussorgen und es geht dir unangemessen gut für jemanden, der in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt. Und der Kapitalismus sorgt dafür, dass nur ein kleiner Teil der Gesellschaft es überhaupt vermag, sich über so etwas Sorgen zu machen.“

„Vielleicht sollte man darüber Bücher schreiben“, sagte ich. „Darüber, dass Menschen zuerst immer an sich selbst denken und dann an andere, und warum wir zuerst immer das Gefühl haben, für unsere eigene Existenz sorgen zu müssen, bevor wir an den Planeten und an die Existenz anderer Wesen auf diesem Planeten denken. Halt einfach darüber, dass das Alles irgendwie ungerecht ist.“

Sean Connery aus den späten Achtzigern nippte an seinem Glas.

„Vielleicht wäre das einen Versuch wert“, sagte er dann. „Doch wer liest heutzutage überhaupt noch Bücher? Wer benutzt noch Bücher, um weltbewegende und wichtige Botschaften zu verbreiten? Du bist noch jung, und in meiner Arroganz des Alters maße ich mir an, unsere heutige Gesellschaft besser zu verstehen als du. Auch wenn das vielleicht Quatsch ist, weil du bist in ihr groß geworden, und ich bin ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Aber gerade weil du jung bist, denke ich, dass es eine gute Idee ist, wenn du ein Buch schreibst. Junge Menschen glauben noch an positive Veränderung, junge Menschen haben noch Träume und glauben, dass es etwas bringt, für irgendetwas einzustehen. Und junge Menschen sollten sich ausprobieren und sich Fehltritte erlauben dürfen. Junge Menschen wollen die Gesellschaft noch verstehen, alte Menschen denken, sie haben sie verstanden, aber vergessen, dass sich alles ändert und nichts ewig gilt. Nur denk ja nicht, dass du irgendwann mal vom Schreiben leben kannst. Das kannst du nicht, nur die Schriftsteller eine oder zwei Generationen vor dir konnten das noch, wenn es bei denen gut lief. Aber heute sind wir zu viele, und zu viele schreiben Blödsinn. Wenn du nicht gerade J.K. Rowling heißt, dann kannst du dir das abschminken.“

Wir wollten dann bezahlen.

„Ich bezahle für uns beide“, sagte der alte Schriftsteller. „Mein Geld und meine Ressourcen sind weniger wert als deine. Meine Generation hat eurer ja schon fast alles auf diesem Planeten weggefressen.“

„Vielen Dank, Sean“, sagte ich. „Das ist sehr freundlich.“


Das Beitragsbild zeigt Sean Connery bei den Academy Awards im Jahr 1988. Foto von Alan Light. Photo by Alan Light. Es ist leider nicht so gut zu sehen, wenn man am Desktop ist. Aber schaut es euch ruhig genauer an. Hier ist es nochmal.

SeanConnery88

Ein Gedanke zu “Visionen

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