Nachdem mir mein Jahresrückblick von 2017 sehr geholfen hat, mit dem Jahr abzuschließen, erhoffe ich nun mit dem Rückblick für 2018 ähnliche Ergebnisse zu erzielen. Ich hoffe, dass dieser Rückblick etwas länger oben bleibt als der letzte, den ich im April 2018 wieder offline genommen habe, da er mir zu persönlich schien und mir unwohl bei dem Gedanken war, mich so sehr für Unbekannte zu öffnen.

Ich habe vor, in diesem Rückblick verschiedene Bücher, Filme und Musik vorzustellen, die mich 2018 an verschiedenen Stellen begleitet haben. So kann man mit diesem Rückblick auch etwas anfangen, wenn man mich nicht persönlich kennt – denn man bekommt viele gute Empfehlungen 🙂

ghostsOfMyLife2Ich muss mit folgendem Buch anfangen: Mark Fisher: Ghosts of my life. Writings on depression, hauntology and lost futures. Es hat mich 2018 am stärksten beeinflusst und einige andere meiner Empfehlungen in diesem Beitrag sind so entstanden, dass ich davon in Ghosts of my life gelesen hatte. Ich habe dieses Buch in der Buchhandlung Foyles in der Charing Cross Road in London gekauft, schon am 31.08.2017 (den Kassenzettel hab ich noch). An diesem Tag befand ich mich auf der Rückreise von der Insel Jersey im Ärmelkanal, und wir hatten ein paar Stunden Aufenthalt in London. Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich durch mein Interesse für Vaporwave als Musikgenre auf Youtube und durch dieses Video eines von mir abonnierten Kanals vom August 2017:

Das war eine Zeit in der sich bei mir sehr viel veränderte. Es passt unglaublich zur Natur dieses Buches, dass ich es einfach nie ins Regal gestellt habe. Seit August 2017 liegt es bei mir auf dem Schreibtisch oder neben dem Bett und es ist immer im Reisegepäck dabei, manchmal als einziges Buch. Ich habe es immer noch nicht komplett gelesen, denn es ist sehr anspruchsvoll. Aber man sollte es im englischen Original lesen, wegen all der Referenzen.

Im Prinzip ist dieses Buch für mich selbst ein hauntologisches Artefakt. Es ist ein Geist, es sucht mich immer wieder heim, ich lese Stellen davon, zu Anfang recht kontinuierlich, doch bevor ich das Buch ganz auslese, springe ich an frühere Stellen zurück, um sie besser zu verstehen, und schließlich lese ich einige Stellen am Ende. Man muss einräumen, dass es auch keine fortlaufende Geschichte ist, es sind verschiedene Essays, die vorher auf Mark Fisher’s Blog veröffentlicht wurden. Ghosts of my life hat mich so stark beeinflusst, dass ich sogar Mark Fisher in der Story, die ich in meinem letzten Blogbeitrag teilweise veröffentlicht habe, erwähnte. Und generell ist mein Schreibprojekt sehr von seinem Gedanken geprägt, dass die Entwicklung der Zukunft durch den Neoliberalismus verhindert wird.

Wegen Ghosts of my life habe ich dieses Jahr den Film Memento Memento_postervon Christopher Nolan aus dem Jahr 2000 geguckt. Der Film ist recht bekannt, und es gab einige Kritiken des Films, in denen behauptet wurde, wäre nicht der Trick mit der besonderen Erzählweise gewesen (zwei Handlungsstränge werden in jeweils fünfminütigen Sequenzen ineinander verwoben, der eine Strang läuft vorwärts, der andere rückwärts), wäre es einfach nur ein Film über einen Typen ohne Kurzzeitgedächtnis geworden, der Selbstjustiz verüben will. Aber Memento ist für mich wirklich zu einer Parabel geworden für den Zustand, den man nach einer traumatischen Erfahrung hat. Man hat Erinnerungen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, bis zu dieser Erfahrung, und danach ist man nur noch damit beschäftigt, dieses Trauma wieder zu lösen, das zu einnehmend in den eigenen Gedanken geworden ist, so dass man sich auf Dauer auf nichts Anderes mehr einlassen kann. Während man versucht, wieder zurecht zu kommen und ein geordnetes Leben zu führen, kann man das, was gerade passiert, nicht wirklich verarbeiten. Mark Fisher hingegen sieht Memento als Spiegel für die heutige Zeit, die so sehr von Desorientierung der Gesellschaft und dem „Revivalismus“ vergangener Trends geprägt ist.

Musikalisch habe ich dieses Jahr auch eine sehr weite Reise unternommen. Ich glaube, ich unterschätze auch, wie sehr mein Musikgeschmack von Youtube beeinflusst wird. Zu Beginn des Jahres habe ich mich für japanischen Jazz oder Funk aus den 70ern und 80ern begeistern können (natürlich durch eine Empfehlung des Youtube-Algorithmus). Exemplarisch sei dazu folgendes Album aufgeführt:

Gegen Ende meines ersten Semesters habe ich auch viel von der Reihe der Artificial Intelligence Alben von Warp Records gehört. Unglaublich gute Musik zum Arbeiten, man hat das Gefühl, allein schon beim Hören schlauer zu werden. Und ich hatte dann am Ende des Semesters recht viel zu tun und konnte solche Musik sehr gut zur Konzentration verwenden.

Interpreten, die ich schon vorher kannte, hab ich 2018 natürlich noch weiter gehört, besonders Daft Punk und Underworld. Mit den von Daft Punk verwendeten Samples hab ich mich sehr ausführlich beschäftigt, und ich hab jetzt einen ziemlich guten Überblick über die Disco-Szene der späten 70er.

Ich könnte noch viel mehr auf meinen Musikgeschmack von 2018 eingehen, aber das würde den Rahmen dieses Rückblicks sprengen, daher seien folgende Titel hier einfach nur erwähnt, die mich 2018 begeistert haben: Das Album Under The Flightpath von Darren Price, sämtliche Radiomitschnitte von Takkyu Ishino, die es auf Youtube gibt, Thursday Afternoon von Brian Eno, die EP Teatime Dub Encounters von Underworld und Iggy Pop, das Album Time von Electric Light Orchestra, TimeTourist von B12, Demon Days von den Gorillaz, Waves 2 aus dem Crydamoure-Label, Ten Days Of Blue von John Beltran, Drum ’n‘ Bass for Papa von Plug alias Luke Vibert, und sämtliche Werke von The Caretaker. Man könnte sagen, dass ich mit The Caretaker auch eine hauntologische Erfahrung gemacht habe, denn Mark Fisher schreibt in seinem Buch davon, und ich habe die Passagen zuerst gelesen, ohne die Musik zu kennen, und hab mir dann nicht die Mühe gemacht, sofort nach Musik von The Caretaker zu suchen. Ungefähr ein halbes Jahr später war dieses Video in meinen Empfehlungen auf Youtube:

Wer will, kann sich hier über den sehr interessanten Hintergrund dieses Albums informieren.

Vaporwave, die Samples von Daft Punk und speziell dieses Album von The Caretaker haben mich in meinen zweiten Semesterferien im Spätsommer/Herbst dazu inspiriert, auch einen kleinen musikalischen Selbstversuch in der Richtung zu unternehmen. Mir war es vor Allem wichtig, Musikquellen zu finden, die eher unbekannt sind, und die sich mit einem niedrigeren Pitch trotzdem noch gut anhören:

Ich bin kein Musiktechnik-Experte, alle Titel dieser Playlist sind nur mit Hilfe von Audacity entstanden und es ist entsprechend „crappy“. Es war mir wichtig, wie schon erwähnt, diese Art von Wissen über „seltene“ oder „vergessene“ Musik zu teilen. Erst hinterher hab ich festgestellt, dass diese Playlist sehr gut die Erfahrungen widerspiegelt, die ich zu der Zeit gemacht habe. Aber ich werde hier nicht so sehr ins persönliche Detail gehen.

Allgemein war mein Jahr 2018 geprägt von einem unterschwelligen Gefühl der Apokalypse und der Frustration darüber. Der heiße Sommer und die gewisse Ohnmacht gegenüber Problemen wie dem Klimawandel bereiteten mir Sorge, dazu noch im Großen die politische Lage auf der Welt, im Kleinen so Dinge wie die Flüchtlingssituation im Mittelmeer oder die offen auftretenden Nazis in Chemnitz und die Causa Maaßen. Ich habe mir so oft gewünscht, dass Seehofer zurücktritt, aber daraus wurde bekanntlich nichts. Von der politischen Situation in den USA, Heuchlerei, einem eindeutig nicht geeigneten obersten Richter und Kindern in Käfigen schweige ich mal lieber ganz.

De facto gab es aber auch gute Dinge, so haben etwa Demonstrationen wie #wirsindmehr in Chemnitz oder #unteilbar in Berlin gezeigt, dass die Menschen mit Anstand und gesundem Menschenverstand mehr Leute mobilisieren können als rechte Spinner und Nazis. Solche Demonstrationen ermutigen zwar, aber sie reichen selbstverständlich noch lange nicht aus um den anderen Menschen den Rassismus aus den Köpfen zu treiben. Das ist ein weltweites Problem.

Klimawandelleugner sollten ebenfalls nicht unterschätzt werden.

Um die Bedeutung des Klimawandels zu unterstreichen, werde ich diesen Jahresrückblick mit dem Video zu Childish Gambino’s Feels Like Summer beenden. Ich finde eine Interpretation des Liedes und Videos sehr schön, die sagt: Wir als Gesellschaft sind zu sehr damit beschäftigt, auf den alltäglichen Klatsch zu achten, unsere kleinen Problemchen zu lösen, vergessen dabei aber das Wesentliche. Denn wir achten in dem Video zuerst auf die Cameos berühmter Mitglieder der schwarzen Öffentlichkeit in den USA und schenken den Lyrics keine Beachtung, die von der Überlastung der Erde und ihrer Ressourcen, von der Verschmutzung der Luft, vom Aussterben der Bienen und dem Verstummen der Vögel handeln. Und es fühlt sich nur an wie Sommer, aber es ist nicht Sommer, sondern einfach nur heiß, durch den menschengemachten Klimawandel…


Das Beitragsbild ist von Ewan Bellamy und kann hier gefunden werden. Es ist unter der Lizenz CC BY-NC-ND 2.0 lizenziert. Es wurden keine Änderungen an dem Bild vorgenommen.

Bei den Coverbildern für Ghosts of my life und Memento berufe ich mich auf das Zitatrecht.

Einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr wünsche ich allen.

Ein Gedanke zu “Jahresrückblick 2018

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