2.2 Wie verhält sich ein virtuelles Kollektiv?

2.2 Wie verhält sich ein virtuelles Kollektiv?

Der französische Psychologe und Soziologe Gustave Le Bon befasste sich bereits 1911 in seinem Werk „Psychologie der Massen“ mit den „Allgemeinen Kennzeichen der Massen“ und dem „psychologischen Gesetz von ihrer seelischen Einheit“. Obwohl er in seinem Buch einige sehr veraltete Ansichten vertritt („überall sind die Massen weibisch“), (Zitat S.43) und das „drohende Hereinbrechen des Sozialismus“ als „unmittelbare Folge starker Eindrücke auf die Phantasie der Massen“ sieht (S.70), hat er nichtsdestotrotz Gedanken über die „Masse“ geäußert, die für die Untersuchung des Verhaltens virtueller Kollektive interessant sind. Er schreibt in seinem Buch von einem Begriff der Massenseele und arbeitet die Merkmale der psychologischen Masse heraus: (S. 32-f.)

„… welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie [die Masse] bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigungen, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zu Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln würde. Es gibt gewisse Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen einzeln auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.“ (Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Nikol, Hamburg, 2011)

Nun ist die Frage, unter welchen Umständen sich so eine Gemeinschaftsseele bildet und ob sie sich auch in meinem Untersuchungsobjekt, also im Internet, bilden kann. Gustave Le Bon meint, dass zum Beispiel ein großes nationales Ereignis eine Massenseele entstehen lassen kann (S.30). Nationale Ereignisse mögen auch heute noch eine große Rolle spielen, im Bereich des Sports beispielsweise. Im Internet entstehen „Massenseelen“ meiner Meinung nach durch virale Videos (z. B. Gangnam Style, dem bis jetzt meist-geklickten Video auf YouTube), und auf Seiten wie 4chan, wo es in kurzer Zeit zu einem vom Charakter her ähnlichen Ereignis wie dem von Gustave Le Bon geschilderten „nationalen Großereignis“ kommen kann. Solche Ereignisse geschehen meist dann, wenn etwas im Internet geschieht, das den Motiven dieser „Anonymous-Mentalität“ widerspricht, so z. B. die Unterdrückung von Meinungs- und Informationsfreiheit.

Als Ausdruck dieses Missfallens kann man Protestaktionen wie DDOS-Angriffe sehen (die Überlastung der maximalen Bandbreitenkapazität eines „feindlichen“ Servers durch eine Masse von Rechnern mit zusammengenommen größerer Bandbreite), oder trollhafte Aktionen wie die oben schon beschriebene, die auf die Missstände in Nordkorea hinweisen wollte. Shitstorms (die ich im nächsten Kapitel unter den sozialen Netzwerken genauer erkläre) können auch als Ausdrucksform des virtuellen Kollektivs gesehen werden. Anonymität ist dabei ein beschleunigender Faktor, denn so wird die Hemmschwelle gegen solche Feindseligkeiten herabgesetzt und man kann trollen wie man will, ohne sich zur Rechenschaft ziehen lassen zu müssen.

Ein weiteres generelles Verhaltensmerkmal von Kollektiven ist das sogenannte Risikoschub-Phänomen (im englischen Original: risky shift).

Begonnen 1961 (J.A.F Stoner: Ein Vergleich von individuellen und Gruppenentscheidungen unter Einbeziehung von Risiko), wurde in einer langen Reihe von Experimenten bewiesen, dass in Gruppen häufig ein größerer Hang zu Risikofreudigkeit besteht, als es bei einem Individuum der Fall wäre. In einer bedeutenden Folgearbeit Stoners durch Wallach, Kogan & Bem, 1962 wurde mit Kleinstgruppen von sechs Personen gearbeitet. In einem zweistündigen Versuch wurden Studenten mit einem Fragebogen konfrontiert, in dem zwölf Problemsituationen geschildert waren, für welche es jeweils zwei Lösungen gab, eine riskanter als die andere. Die riskantere Alternative hatte aber im Falle des Gelingens einen positiveren Ausgang. Hier zwei Beispielfragen:

„(2) Ein Mann mit einer schweren Herzerkrankung hat die Wahl, entweder seine alltägliche Lebensführung ernstlich einzuschränken oder aber sich einer schwierigen Operation zu unterziehen, die ihn völlig wiederherstellen kann, im ungünstigen Fall aber tödlich endet.

(8) Ein älterer Student mit beträchtlicher musikalischer Begabung hat die Wahl zwischen dem sicheren Ausbildungsgang eines Medizinstudiums und anschließender Tätigkeit als Arzt und dem riskanteren Weg einer Karriere als Konzertpianist.“

Die Befragten sollten nun einzeln in Zahlen von 0 bis 10 angeben, mit welchem Wahrscheinlichkeitsgrad des Eintreffens der ungünstigen Alternative sie diese in Kauf nehmen würden. Anschließend wurden die Ergebnisse in Gruppen diskutiert und danach erneut einzeln die Fragebögen durchgegangen. Das Resultat war ein deutliches Anwachsen der Risikoneigung durch die Gruppendiskussion (s. Manfred Sader: Psychologie der Gruppe, Juventa Verlag Weinheim und München, 1976, S. 12ff).

Zwar bestehen Gruppendiskussionen im Internet nicht immer nur aus sechs Teilnehmern, doch die logische Konsequenz daraus ist, dass sich die Risikobereitschaft mit einer größeren Gruppe erhöhen sollte. Ich beziehe mich hier auf die virtuelle Gruppendiskussion in Diskussionsforen oder sozialen Netzwerken.

Das Beitragsbild zeigt eine kopflose Masse. Gibt es einen Anstieg von Risikobereitschaft in der Masse?

2.1.3 Open Source

2.1.3 Open Source

Der Begriff Open Source (dt. quelloffen) wird in der Regel für Software verwendet, deren Quelltext für jeden Nutzer kostenlos über das Internet ersichtlich ist und auch kostenlos verwendet, verändert und weitergegeben werden darf. Somit fördert Open Source die gemeinschaftliche Entwicklung von Software, wobei es meist eine engere Gruppe von Entwicklern gibt, die entscheidet, welche Änderungen in die Software aufgenommen werden. Darüber hinaus können aus einem Projekt von außenstehenden Personen Abzweigungen und neue Projekte weiterentwickelt werden.

So ist z. B. das Betriebssystem Linux mit einer Open Source-Lizenz ausgestattet, ebenso wie die Schreibprogramme OpenOffice und LibreOffice, oder das Medienwiedergabeprogramm VLC media player. Die vorliegende Arbeit wurde beispielsweise mit Hilfe des Programms LibreOffice geschrieben.

Ob bei einer gemeinschaftlichen Arbeit innovative Ideen (im Sinne von völlig neuartig, wie sie z. B. Steve Jobs mit Apple gehabt hatte) entstehen können, bleibt abzuwarten. Jedoch ist Open Source zweifellos das beste Verfahren, wenn es um das Weiterentwickeln vorhandener Techniken geht. In erster Linie entstand Open Source aus der Absicht heraus, sich gegen die Kommerzialisierung der Software zu stellen, wie sie durch z.B. Microsoft und Apple entstanden war. Außerdem ist auch noch ein Zweig der Open Source Hardware im Entstehen, z. B. Arduino.

Inzwischen wird das Open-Source-Prinzip sogar auf andere Bereiche der Gesellschaft angewandt. In Form der Creative-Commons-Lizenz geschieht das bereits bei Fotos. Findet man ein Bild unter der Creative-Commons-Lizenz, kann man es frei herunterladen und selbst öffentlich weiter verwenden. Zum Beispiel verwende ich immer Fotos mit einer Creative-Commons-Lizenz als Beitragsbilder für diesen Blog.

Wenn man es so nimmt, kann man Wikipedia auch als eine Art von Open Source des freien Wissens ansehen, denn das Wissen auf Wikipedia ist „Gemeingut“, vorausgesetzt, man hat einen Internetzugang und ein fähiges Gerät.

Das Beitragsbild zeigt auf überspitzte Art die Sichtweise kommerzieller Software-Entwickler, z. B. Microsoft auf die Open Source-Bewegung.

2.1.2 Crowdsourcing

2.1.2 Crowdsourcing

Crowdsourcing (dt. etwa: die Masse als Quelle nutzend), hat ein ähnliches Konzept wie ein Wiki, darf aber nicht damit verwechselt werden.

Beim Crowdsourcing werden Leistungen, die üblicherweise von Erwerbstätigen erbracht werden, durch eine Organisation oder eine Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren verlagert. Die Organisation oder die Privatperson erlangt dabei frei verwertbare und direkte wirtschaftliche Vorteile.

Amazon z. B. beschäftigt sogar echte Menschen gegen minimales Geld (oft nur wenige Cents) um Aufgaben zu bewältigen, die Bots nicht allein bewerkstelligen können, wie etwa einen Film nachzuerzählen, Altersfreigaben zu empfehlen oder bestimmte Motive auf Bildern zu suchen. Diese menschlichen Helfer werden Mechanical Turks genannt, denn es soll von außen so aussehen, als ob Maschinen die Arbeit getan hätten.

Eine besondere Form von Crowdsourcing ist das Crowdfunding, bei dem direkt um Spenden gebeten wird, um eine bestimmte Sache zu finanzieren, wie etwa die Produktion eines neuen Kinofilms oder einer neuen Fernsehserie. Ein Beispiel für eine Crowdfunding-Plattform wäre Kickstarter, wo es eine vielseitige Auswahl an bereits mehr als 85.000 finanzierten Projekten gibt. Seit dem Geschäftsbeginn 2009 wurden dort 1,7 Milliarden US$ von 8,6 Millionen Nutzern gespendet.

Der Nachteil an Crowdfunding ist, dass sich ein schon gewonnener Erfolg nur schwer wiederholen lässt, wie am Beispiel einer Studentin deutlich wurde, die sich über eine Crowdfunding-Plattform ihr Geld für das Studium beschaffte. Andere Studenten können diesen Erfolg vielleicht nicht so leicht nachmachen. Als sichere Geldquelle kann man Crowdfunding also nicht betrachten.

Das Beitragsbild findet sich hier.

2.1.1 Wikis

2.1.1 Wikis

Als bekanntestes Beispiel ist hier Wikipedia zu nennen. Ein Wiki (wortwörtlich „schnell“ auf Hawaiisch) ist darauf ausgelegt, Erfahrung und Wissen gemeinschaftlich zu sammeln. Dazu werden gemeinschaftlich Texte erarbeitet, die durch die Nutzer im jeweiligen Webbrowser nachträglich bearbeitet und verändert werden können.

Somit häuft sich das Wissen mit der Zeit immer mehr, hat aber nie eine endgültige Form erreicht.

Als Vergleich zu Wikipedia kann man vielleicht ein Lexikon sehen. Auch ein Lexikon hat Einträge zu möglichst vielen Themen. Eine Spezialisierung kann bei einem Lexikon der Fall sein, z. B. auf die Naturwissenschaften oder bestimmte Geschichtsepochen. Bei Wikipedia ist jeder Artikel eine Spezialisierung für sich, da die Verfasser oberflächlich oder aber sehr vertieft schreiben können. Gleichzeitig gibt es bei Wikipedia keine Platzierungsschwierigkeiten und Verlegungsprobleme. Die Länge eines Artikels ist nicht begrenzt, insofern kann bei jedem erdenklichen Thema auf Wikipedia eine unendlich feine und langatmige Spezialisierung erfolgen.

Eine häufig gestellte Frage ist, ob sich die Qualität eines Lexikoneintrags von der eines Wikipedia-Artikels unterscheidet. Auf Wikipedia gibt es anders als bei einem Lexikon keine durchgehend konstante Qualität (in der Gliederung des Artikels, Ausdrucksweise, Verständlichkeit, Bilder usw.). Stattdessen sind auf Wikipedia manche Artikel mit dem Prädikat „exzellent“ versehen, welche dann besonders lesenswert sein sollen. Hier ein paar als „exzellent“ markierte Artikel: LeipzigCao CaoOpinelWahnsinn.

Jaron Lanier meint, man könne auf Wikipedia die Gedanken einzelner Menschen zu einer augenscheinlich sinnvollen semantischen Struktur zusammenfügen. Dabei behaupte Wikipedia, sie könne Meinung und Wissen voneinander trennen. Siehe Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffman und Campe, 2014, S.249.

In der Tat ist dies bei Wikipedia ein bedeutender Schwachpunkt: Trennung von Wissen (also dem, was belegbar ist) und Meinung (die laut den Wikipedia-Richtlinien nicht enthalten sein sollte).

Allein schon die belegbaren Fakten, die präsentiert werden, können in manchen Fällen ein meinungsmachendes Bild hervorrufen. Hier ein Beispiel für einen mit wenigen Belegen ausgestatteten Artikel: Sechstagekrieg.

Das Beitragsbild zeigt eine Katze (die am meisten angeschaute Tierart im Netz), die sich offenbar über die Realität der Menschen hermacht.

2.1 Kollektiv ausgelegte Einrichtungen im Internet

2.1 Kollektiv ausgelegte Einrichtungen im Internet

Ich definiere ein Internetkollektiv als eine sich auf einer Webseite oder einem Internetportal befindliche Einrichtung, die es erlaubt, viele Menschen durch ihre jeweiligen Geräte an einem großen Projekt teilhaben zu lassen. Diese Menschen verbinden sich bei der Verfolgung ihres Projekts zu einer kollektiven Einheit.

Außerdem gibt es spontan entstehende virtuelle Kollektive, die sich durchaus auch plattformübergreifend betätigen, so z. B. während des „Arabischen Frühlings“ auf Twitter und Facebook.

In kleinerem Rahmen wird für solche spontanen Aktionen auf Twitter oft der Begriff „Shitstorm“ gebraucht, so gab es z. B. nach Angela Merkels Äußerung, das Internet sei „für uns alle Neuland“ einen sehr großen Shitstorm auf Twitter zu #neuland. Zu Twitter komme ich nochmal im nächsten Kapitel zurück.

Ein nicht spontan geformtes (sondern ein von Anfang an festgelegtes) Internetkollektiv kann verschiedenartig ausgelegt sein, die wichtigsten Beispiele werde ich in den nächsten Beiträgen aufzählen.

Das Beitragsbild zeigt kurz und knapp, wie man einen Shitstorm managen sollte.