3.4 Xanadu

3.4 Xanadu

Xanadu war ein Projekt des Netzwerkpioniers Theodor Holm Nelson, unter anderem auch der Erfinder des Links für digitale Medien. Nelson wollte mit seinem Projekt ab 1960 ein Computernetzwerk mit einer einfachen Benutzeroberfläche aufbauen, noch bevor Tim Berners-Lee mit HTML das World Wide Web in seiner heutigen Form begründete und somit Xanadu übertrumpfte.

Der wichtigste Punkt bei Xanadu war der Gedanke, das Kopieren im Netzwerk vollkommen überflüssig sei, denn in einem Netzwerk sollte das Original immer sofort ersichtlich sein, eine Datei also nur einmal existieren (natürlich würde es immer eine Sicherungskopie geben, aber das wäre ein internes Detail und würde nicht die Erfahrung des Nutzers beeinflussen). Das ist schon ein großer Vorteil gegenüber dem heutigen World Wide Web, denn bei Xanadu können Gedanken so niemals aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen werden. Jetzt geschieht das relativ häufig mit unpassenden Clips von Politikern aus dem Netz, z. B. mit einem Videoclip des ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis, dessen „Stinkefinger“ an Deutschland in einer Sendung von Günther Jauch für Aufsehen gesorgt hatte.

Nelson vertrat in Xanadu besonders die Idee eines Hypertextes, also dass die Nutzer in der Lage sein sollten, alternative Texte aus den ursprünglichen Texten zu machen. Die digitale Technologie machte dieses Verfahren möglich. Heute würden wir unter seiner Vorstellung eines solchen Hypertextes vielleicht ein Mash-Up verstehen, also die Erschaffung neuer Sequenzen aus der Verknüpfung von mehreren Quellen. In Xanadu würde das Original des Mash-Ups aber immer noch erhalten bleiben. Auszüge der Ideen von Xanadu finden sich bereits in verschiedenen Winkeln des Internets. So kann man sich bei Wikipedia die Versionsgeschichte jedes Artikels ansehen, oder Retweets auf Twitter und Reblogs auf Tumblr zurück verfolgen.

Das Original eines Dokuments in Xanadu würde mit einem Zweiwege-Link gekennzeichnet werden, so dass jeder im Netzwerk weiß, wer die eigenen Erzeugnisse verwendet. So würde man alle Webseiten kennen, die auf die eigene Seite verweisen. Als Musiker würde man wissen, welche Personen die selbstgeschaffene Musik in ihren Videos verwenden. Solche Zweiwege-Links sind aber technisch sehr anspruchsvoll, denn man muss sie ständig aktualisieren. Man muss solche Links immer aktualisieren, wenn jemand sein Mash-Up des Dokuments einer anderen Person löscht. Die „gemashte“ Person darf nicht annehmen, der Link zu ihr existiere noch. Diese Aufwendigkeit trug maßgeblich zum Misserfolg von Projekt Xanadu bei. Stattdessen wurde dem simplen HTML mit seinen Einweg-Links der Vorzug gegeben.

Wenn alles im Internet mit Zweiwege-Links gekennzeichnet wäre, könnte man sehr leicht herausfinden, welche Seite für ein bestimmtes Thema am meisten relevant wäre, denn man müsste nur schauen, wohin die meisten Links führen. Stattdessen wurden Suchmaschinen wie Google erfunden die möglichst viele Anzeigekunden anlocken sollen, so Jaron Lanier. Ursprünglich basierte Google auf einem von Google-Gründer Larry Page patentierten Algorithmus, PageRank, der überprüfen sollte, wie gut verlinkt entsprechende Seiten sind und die Seite mit den meisten Links, die auf sie hinweisen, auf der Ergebnisliste nach ganz oben stellt.

Außerdem erstellt Google unabhängig von der Suchabfrage eine Tabelle, wie oft welcher Begriff auf welcher Seite vorkommt. Möglich ist dies mit Hilfe von Big Data, siehe auch Kapitel 1: 1.3 Individualität und Individualisierung. Durch Zweiwege-Links würden Interessenten eines Themengebiets schneller miteinander bekannt als im heutigen Web. Teilweise aus diesem Grund wurden soziale Netzwerke wie Facebook erschaffen, damit Nutzer sich über verschiedene Themengebiete schneller kennenlernen und miteinander verbinden können (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 291-302).

So hat Google sich mit Hilfe seines Algorithmus ein großes Monopol erschaffen. Bei Zweiwege-Links gäbe es so eine Monopolstellung nicht. In Xanadu war stets eine Monetarisierung der eigenen Informationen vorgesehen, es sollten also für jede genutzte Information Kleinstgeldbeiträge in Bruchteilen von Cents an den Eigentümer überwiesen werden. Dies mag sich im ersten Moment nicht geeignet anhören, da wir es nicht gewohnt sind, für das Abrufen einer beliebigen Webseite Geld zu bezahlen, aber ich denke, das ist verkraftbar, denn man selbst stellt dann auch kostenpflichtige Information zur Verfügung. Auch Facebook oder Google müssten unter diesen Bedingungen für die Verwendung der Daten ihrer Nutzer bezahlen. Ein Wissenschaftler könnte seine Thesen im Netz veröffentlichen, und jeder Nutzer könnte für die Originaldaten Geld bezahlen, so dass es sich für den Wissenschaftler über die Jahre sehr lohnen würde. Ähnlich wäre es beim Hochladen eines beliebten humorvollen Videos, womit man an einem Tag ebenfalls sehr viel Geld verdienen könnte (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 135-136).

Zu diesem Kapitel lässt sich zusammenfassend sagen, dass keine der von mir untersuchten Einrichtungen meiner Definition von virtueller Individualität vollständig entspricht. Homepages kommen meiner Auffassung vielleicht am nächsten, denn dort ist man selbst die oberste Instanz und muss sich nicht jemandem unterordnen, der die preisgegebenen Informationen auf andere Zusammenhänge anwendet. Ein eigener Server ist hierbei von Vorteil, so kann man selbst eine große Reichweite erzielen, ohne seine Rechte an jemand anderen abtreten zu müssen. Wenn man also einen eigenen Server hat und die Homepage zu 100% selbst gestaltet, um sich als Individuum selbst darzustellen, ist meine Definition von virtueller Individualität erfüllt.

Xanadu war ein möglicher Weg, Informationen individueller darzustellen und den Netzwerkvorteil wirklich auszuleben – in einem Netzwerk muss man keine Kopien machen, das Original ist doch zugänglich.

Das Beitragsbild porträtiert Theodor „Ted“ Nelson, den Erfinder des Projekts Xanadu.

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3.3 Homepages

3.3 Homepages

Als Beitragsbild sieht man hier den Webauftritt von BMW aus dem Jahr 1996. Damals waren Homepages die beste Methode, sich im Netz darzustellen. Heute erfolgt Selbstdarstellung meistens über soziale Netzwerke. 

Eine Homepage („Heim-Seite“ auf Deutsch) ist die Hauptseite oder zentrale Ausgangsseite einer Präsenz von einem Unternehmen, einer Gesellschaft (Kollektiv) oder einem Individuum im Internet.

Auf dieser Seite können beliebige Informationsmedien verwendet werden, die Gestaltung der Seite obliegt allein dem Inhaber. Der Fokus liegt bei Homepages verstärkt auf der Darstellung des Subjekts. Es wird auf einer Homepage nicht wie in einem sozialen Netzwerk extra um Aufmerksamkeit z. B. in Form von positiven Bewertungen gebeten, denn der Besucher widmet dem Subjekt schon die volle Aufmerksamkeit, in dem er dessen Seite besucht.

Sichtbarkeit: Eine Homepage ist bereits das Resultat von Sichtbarkeit. Das heißt, sobald eine Homepage für eine Suchmaschine sichtbar ist, hat sie dieses Kriterium erfüllt, denn nun ist die Homepage für den Besucher „anklickbar“. Ob das Subjekt dieser Homepage ein Individuum, eine Gesellschaft oder ein Unternehmen ist, wird meistens auf den ersten Blick ersichtlich. Wenn man den von der Suchmaschine angebotenen Link anklickt, bekommt man meistens zuerst einen übersichtlichen ersten Eindruck von der Homepage. Dieser Überblick kann auch schon einen Eindruck über das sich darstellende Subjekt vermitteln. Ab und zu gibt es auf der Homepage auch weiterführende Links zu verwandten Themen. Man könnte auch, einem sozialen Netzwerk gleich, sich selbst eine Homepage erstellen und darauf die Homepages von Freunden verlinken.

Eine Trennung von öffentlich und privat gibt es auf Homepages grundsätzlich nicht, denn die Homepage dient für den Auftritt in der Öffentlichkeit des Internets. Ein Unternehmen besitzt vielleicht noch einen Bereich der Webseite, den man nur durch Einloggen erreicht. Hier wäre jedoch schon wieder eine begriffliche Abgrenzung zum Forum vorzunehmen.

Name: Als Name einer Homepage dient meistens die Ausgangs-Internetadresse, also diejenige Internetadresse, welche man beim erstmaligen Betreten von der Suchmaschine aus auf die Homepage in der Leiste oben im Browser angezeigt bekommt. Diese Adresse ist grundsätzlich frei wählbar, wenn sie nicht schon von jemand anderem belegt wurde. Es gibt keine Verpflichtung, seinen wahren Namen anzugeben, denn man ist ursprünglich auf seiner Homepage der Herr und hat keine Verpflichtungen anderen gegenüber.

Die Probleme der informationellen Selbstbestimmung und der Nutzungsbedingungen sind auf Homepages etwas anders gelagert.

Da eine Homepage auf die Öffentlichkeit ausgelegt ist, dürfte klar sein, dass alle Informationen, die man auf einer Homepage preisgibt, weiter verwendet werden können. Über so etwas Privates wie eigene Interessen oder Vorlieben kann jedoch selbst entschieden werden, inwiefern sie zur Geltung kommen.

Mit Nutzerbedingungen muss man sich evtl. doch noch herumschlagen, wenn man keinen eigenen Server hat, der die Homepage beherbergt (hostet). Es gibt zahlreiche Angebote im Internet für die Beherbergung der eigenen Homepage auf den Servern eines Hostingproviders (provider=dt. Anbieter). In Deutschland sind die bekanntesten Anbieter 1 & 1 und Strato.

Manche Provider bieten die Erschaffung der eigenen Webseite einschließlich einigen Gestaltungsmitteln zum Optimieren gebündelt an. Jimdo oder WordPress sind gute Beispiele dafür. Dort muss man sinnvollerweise die Nutzungsbedingungen akzeptieren, um sich eine eigene Seite erstellen zu können.

Wenn man seine eigene Homepage allerdings populär machen will, sollte man seinen eigenen Server haben und andere Leute dazu bringen, die Seite für irgendetwas zu benutzen. Es bringt nämlich nicht viel, wenn man viele Klicks auf seiner Facebookseite generiert, denn die eigene Seite gehört dann eigentlich Facebook. Auf dem eigenen Server gehört die Homepage hundertprozentig einem selbst und man kann mit den Besuchern verfahren, wie man selbst es will (s. Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S.238).

Die Darstellung des eigenen Ichs bleibt auf der eigenen Homepage der Individualität am nächsten. Wenn man als Kunde bei Jimdo eine Seite erstellt, kann man zwischen verschiedenen Merkmalen auswählen, wie man die eigene Seite haben möchte.

Auch wenn dort trotzdem eine Auswahl eines vorgefertigten Designs besteht, geht es da noch mehr nach den eigenen Wünschen zu als in manchen sozialen Netzwerken.

Wenn man selbst das nötige Wissen hat, ein Design zu erstellen, ist es natürlich noch umso besser.

Fazit: Homepages sind zweifellos die individuellste Einrichtung, welche es im Internet gibt, denn sie zeigt nicht nur die Präsenz des Individuums auf der abstrakten Ebene eines sozialen Netzwerks an, sondern ist die Kreation des Individuums selbst, mit seinen eigenen Ideen zur Selbstdarstellung. Auf der eigenen Homepage hat man immer die Informationshoheit und muss sich nicht über irgendwelche weitergegebenen Daten sorgen machen. Man ist dort eben sein eigener Herr.

3.2.3 Tumblr

3.2.3 Tumblr

In dem sozialen Netzwerk Tumblr (von engl. tumble=durcheinanderbringen) geht es darum, Blogs zu erstellen, also eine Art von Tagebuch oder Journal. Blogs kann man mit allerlei Dingen füllen: Texte, Fotos, GIFs (ein GIF ist eine kleine, sich endlos wiederholende Abfolge von Bildern ohne Ton), Videos und MP3-Dateien. Einem Blog kann man folgen, so dass man keine Einträge des Blogs mehr verpassen kann. Ein wichtiges Feature ist das Rebloggen, dass es einem Tumblr-Nutzer erlaubt, Inhalt von einem anderen Tumblr-Blog in den eigenen zu übernehmen. Das Original auf Tumblr wird dabei mit verlinkt. Kommentieren kann man den Reblog erst bei sich selbst – so werden unnötige Beleidigungen gleich unterbunden, außer man macht sich in seinem eigenen Blog über den Reblog her.

Sichtbarkeit: Auf Tumblr sind Individuen nur an den Blogs auszumachen, ein Blog kann aber auch von mehreren Leuten geführt werden. Eine Startseite oder Übersicht gibt es bei den Blogs nicht mehrheitlich, auf einigen gibt es aber „oben“, also am Seitenanfang, einige Links zum besseren Interagieren mit der Person. Außerdem kann man in der Historie des Blogs rückwärts gehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Jeder Blog verfügt über einen eigenen Subdomainnamen (z.B. http://eigenname.tumblr.com). Hier ein Beispiel für einen beliebten Tumblr-Blog: http://unflatteringcatselfies.tumblr.com/.

Name: Auf Tumblr gibt es keine Realnamenpflicht, sogar beim Registrieren muss man nicht den wirklichen Namen angeben. Trotzdem hält sich das Trolling in Grenzen, denn man muss den eigenen Blog auch mit viel Mühe führen, alle vorherigen Aktionen liegen im eigenen Blog offen.

Informationelle Selbstbestimmung: Die Datenschutzrichtlinie sowie die Nutzungsbedingungen sind auf Tumblr leider nur auf Englisch verfügbar, weil sie „ausschließlich dem amerikanischen Recht und der US-Gesetzgebung“ unterliegen. Weiter wird gesagt, dass Tumblr zu Yahoo gehört und dass sie Informationen mit Yahoo teilen dürfen, um Informationen bereitzustellen, zu verstehen und die Tumblr-Dienste zu verbessern (Yahoo may use the information it receives from us to help us provide, understand, and improve the Services).

Die Nutzungsbedingungen von Tumblr sind wieder erschöpfend lang. In ihnen stimmt man unter anderem zu, dass Tumblr jeden öffentlich hochgeladenen Inhalt für ausgewählte Drittparteien verfügbar machen kann, so dass diese Parteien diesen Inhalt auch in anderen Medien oder Diensten analysieren können (You also agree that this license includes the right for Tumblr to make all publicly-posted Content available to third parties selected by Tumblr, so that those third parties can syndicate and/or analyze such Content on other media and services).

Gestaltung des eigenen Ichs: Die Gestaltung des eigenen Ichs gefällt mir auf Tumblr sehr gut, hier werden mehr Möglichkeiten angeboten als bei den anderen sozialen Netzwerken, die ich untersucht habe. Die Form eines Blogs/Tagebuchs finde ich sehr reizvoll, denn so sind alle vorherigen Aktionen immer noch sichtbar, jeder Gedanke, denn man auf Tumblr äußert, ist schließlich auf die eigene Individualität zurückzuführen. Dennoch wurde Tumblr kritisiert, da viele Blogger Fotos veröffentlichten, deren Copyright sie nicht besaßen.

Lädt jemand auf Tumblr etwas hoch, das er nicht selbst erzeugt hat, kann man das Original nicht so leicht im Internet wiederfinden, und es bleibt auf Tumblr bestehen und wird möglicherweise noch millionenmal gerebloggt. Tumblr reagierte darauf mit einem Verfahren zum Melden von Urheberrechtsverletzungen, sofern man selbst die Rechte dafür besitzt.

Tumblr ist auch wegen Pornographie negativ erwähnt worden. Von Tumblrs 200.000 meistbesuchten Domains sind 11,4% „adult“, also Erwachsenendomains, welche Pornographie oder anderes kritisches Material beinhalten.

Fazit: Tumblr bietet der virtuellen Individualität eine weitaus mehr Raum als Facebook oder Twitter, jedoch gibt es hier auch Daten, die an Dritte weitergegeben werden, wenn auch nur zu einem augenscheinlich harmlosen Zweck. Der Umgang mit Urheberrechten lässt auf Tumblr aber noch zu wünschen übrig.

Das Beitragsbild von diesem Eintrag befindet sich ursprünglich hier.

3.2.2 Twitter

3.2.2 Twitter

Twitter hat einige unterschiedliche Definitionen. Im allgemeinen Sinn ist Twitter eine Kommunikationsplattform, die Medien bezeichnen Twitter als Kurznachrichtendienst, Wikipedia als „Mikrobloggingdienst zur Verbreitung von telegrammartigen Kurznachrichten.“

Twitter wird aber auch zu den sozialen Netzwerken gezählt. Auf Twitter können registrierte Nutzer Kurznachrichten, „Tweets“, mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen verfassen, die von allen anderen Nutzern gelesen werden können. Man kann als Nutzer anderen Nutzern auf Twitter folgen, so dass alle Tweets von dieser Person dem folgenden Nutzer „Follower“ sofort angezeigt werden. Gleichzeitig kann man versuchen, mit eigenen Tweets eine möglichst große Anzahl an eigenen Followern aufzubauen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Funktionsweise von Twitter ist das „Retweeten“: Wenn ein Beitrag eines Nutzers von jemand anderem unter Nennung des ursprünglichen Accounts zitiert oder auf dem eigenen Account wiederholt wird, so wurde der Beitrag retweetet. Auf diese Weise kann ein Tweet in sehr kurzer Zeit sehr große Popularität erlangen.

Auf Twitter ist auch der Hashtag (engl. Hash=Raute, tag=Kennzeichnung) beliebt geworden. Mit einem Hashtag kann innerhalb eines Tweets ein Begriff besonders hervorgehoben werden, indem er vorne mit einem Rautenzeichen versehen wird, z. B. wie #hashtag oder #jahresarbeit. Auf Twitter kann man so auch im unregistrierten Zustand alle Beiträge zu einem Hashtag verfolgen. Die aktuell am häufigsten gehashtaggten Begriffe werden dann als „Trending-Topics“ auf der Twitter-Startseite angezeigt.

Noch ein wichtiges Merkmal von Twitter ist die Schnelligkeit der verbreiteten Nachrichten und die damit verbundene Redundanz. Dadurch sind Tweets auch extrem kurzlebig.

Sichtbarkeit: Auf Twitter verhält es sich mit der Sichtbarkeit ähnlich wie auf Facebook. Ein Individuum kann einen Account genauso führen wie ein Unternehmen, eine Firma usw. Die Tweets sind grundsätzlich öffentlich, der Absender einer Nachricht kann jedoch selbst darüber bestimmen, ob er die Nachricht öffentlich halten oder doch lieber nur einer Gruppe von ausgewählten Freunden zur Verfügung stellen will. Außerdem sieht man auf einem Twitterprofil auch die Anzahl der Follower und kann zu deren Tweets gelangen, wenn man registriert ist.

Eine „Startseite“ ist bei Twitter auch gegeben, auf dieser sieht man alle zugelassenen Tweets der betreffenden Person.

Name: Beim Registrieren auf Twitter wird man aufgefordert, den eigenen wahren Namen anzugeben. Anders als bei Facebook entspricht der Nutzername nicht gleich dem realen Namen. Ein irreführender Nutzername führt nicht zwingend zur Sperrung des Accounts, es gibt z. B. einen satirisch gefälschten Account von Angela Merkel.

Für Schlagzeilen sorgte im April 2013 eine Aktion des britischen Technologie-Pioniers Kevin Ashton, der auf Twitter einen Account für die völlig fiktive Person Santiago Swallow erstellte und innerhalb von zwei Tagen 90.000 Follower erreichte. Diese Follower waren jedoch nur von einer Software erstellt worden. Auf dem Newsportal Quartz beschrieb er seine genaue Vorgehensweise und behauptete, er habe die 90.000 Follower für $50 auf der Webseite fiverr.com gekauft. Schließlich habe er sich für $18 eine Webseite bei WordPress.com erstellt. Die Gesamtkosten für die Erschaffung von Santiago Swallow lagen also bei $ 68.

Nach der Bekanntmachung von Kevin Ashton war der Account von Santiago Swallow für 30 Stunden gesperrt, wurde dann aber wieder freigegeben, denn Kevin Ashton wollte damit nur deutlich machen, wie leicht es sein kann, scheinbare Berühmtheit im Internet zu erlangen. Santiago Swallows Account dient jetzt als mahnendes Beispiel dafür. Die 90.000 Follower sind nun verschwunden, nichtsdestotrotz hat Santiago Swallow inzwischen wieder mehr als 8.000 Follower, von denen mindestens ein paar menschlich sein dürften.

Kevin Ashton behauptete in seinem Artikel sogar, 28% der Personen, die den 20 meist beliebten Twitter-Accounts folgten, seien nicht real.

Nutzungsbedingungen: Die Endnutzerbedingungen von Twitter bilden keine Ausnahme gegenüber allen anderen, die ich schon gesehen habe, aber immerhin wird man dort noch gesiezt. Hier eine Stelle im Wortlaut:

„Sie sind für Ihre Nutzung der Dienste, die von Ihnen bereitgestellten Inhalte sowie für alle sich daraus ergebenden Folgen verantwortlich. Dies gilt auch für die Nutzung Ihrer Inhalte durch andere Nutzer und unsere externen Partner. Sie erkennen an, dass Ihre Inhalte von unseren Partnern syndiziert, übertragen, verbreitet oder veröffentlicht werden dürfen.“

In der Datenschutzrichtlinie von Twitter steht außerdem: „Wir dürfen Ihre Daten nach Ihren Anweisungen mit Dritten austauschen oder an Dritte weitergeben, wenn Sie zum Beispiel einem Web-Client oder einer Applikation gestatten, auf Ihren Twitter Account zuzugreifen. Andere Nutzer dürfen Informationen über Sie austauschen oder weitergeben, zum Beispiel wenn sie Sie erwähnen, ein Foto von Ihnen teilen oder Sie in einem Foto markieren.“

Die informationelle Selbstbestimmung wird somit nicht direkt eingehalten. Man kann aber einer Webanwendung (z.B. Googlemaps) oder einer Applikation (umgangssprachlich: App) den Zugriff auf den Twitter-Account verweigern, vorausgesetzt, man weiß, wie es geht. Dafür wurde im Mai 2012 in dem Browser Mozilla ein Do-Not-Track-Add-On für Twitter bereitgestellt. Dieses Add-on (also eine Ergänzung für den Browser) verhindert das Speichern von Cookies (kleinen Infodateien auf dem eigenen Rechner), die persönliche Information sammeln, sowie von Third-Party-Cookies (dt: „Drittparteicookies“) für personalisierte Werbung. Dieses Add-on funktioniert aber nur, wenn die betreffende Webseite es auch zulässt.

2011 gab Twitter erstmals Daten von fünf Twitter-Accounts an einen englischen Gemeinderat weiter, da dieser eine beleidigende Person ausfindig machen wollte. Die Daten umfassten IP-Adressen, Mobiltelefonnummern und Emailadressen.

Gestaltung des eigenen Ichs: Twitter wird gemeinhin als soziales Netzwerk bezeichnet, obwohl Twitter seinen Fokus nicht so sehr auf die Darstellung der eigenen Persönlichkeit legt. Vielmehr wird auf Tweets wert gelegt, also auf die interagierende Kommunikation zwischen den Mitgliedern.

Jaron Lanier vertritt die Ansicht, dass sich auf Twitter aus „vorübergehenden Gedankenblitzen Bedeutung ergibt.“ (Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Hoffmann und Campe, 2014, S. 249). Dabei würde es hauptsächlich auf den Kontext des Absenders und weniger auf den gedanklichen Inhalt eines Tweets ankommen. Twittert jemand mit wenigen Followern etwas, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass jemand auf diesen Tweet aufmerksam wird, als wenn es jemand mit Millionen von Followern tut. Außerdem sind 140 Zeichen für eine Nachricht sehr einschränkend, diese Grenze wird laut Twitter demnächst in manchen Bereichen, zuerst dem privaten, aufgehoben.

Manche Twitter-Nutzer kontern darauf mit Fotos von längeren Texten, denn Fotos und Videos hochzuladen ist auf Twitter auch erlaubt. Auf einer Startseite/Übersicht eines Twitteraccounts gibt es zuerst alle Tweets der betreffenden Person zu sehen, oben steht die Anzahl der Tweets, „FOLGE ICH“, Follower, Favoriten und Listen, die aber bis auf die Tweets im unregistrierten Zustand nicht einsehbar sind.

Fazit: Twitter ist eher ein Nachrichtendienst als ein soziales Netzwerk, dennoch entspricht Twitter auch nicht meinen Bedingungen für Individualität im Internet, denn es können leicht Accounts von nichtmenschlicher Software geschaffen werden. Außerdem werden auch bei Twitter Daten der Nutzer an Dritte weitergegeben, die Datensammelei geschieht jedoch nicht so aggressiv und unverfroren wie auf Facebook.

Beitragsbild-Credits!

3.2 Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke bieten im allgemeinen eine Grundlage für die Nutzer, in den Netzwerken zu kommunizieren und zu interagieren. Es gibt viele verschiedene soziale Netzwerke, mit verschiedenen Konzepten. Einen Überblick über die 20 sozialen Netzwerke mit den meisten Besuchen aus Deutschland bietet diese Tabelle, die nach Daten aus Hochrechnungen von SimilarWeb gestaltet wurde:

SimilarWeb: Top 20 soziale Netzwerke in Deutschland /
Dezember 2014

vs. Dezember 2013

totale Besuche 2014 in Mio.*

in Mio.

in %

1 facebook.com

635,50

-53,24

-7,7

2 plus.google.com

40,51

4,48

12,4

3 twitter.com

40,04

13,89

53,1

4 ok.ru (ehemals odnoklassniki.ru)

27,10

4,29

18,8

5 tumblr.com

23,11

0,11

0,5

6 instagram.com

17,72

4,72

36,3

7 vk.com

12,73

4,07

47,0

8 linkedin.com

11,40

3,62

46,6

9 pinterest.com

8,45

5,40

177,5

10 reddit.com

8,45

3,83

83,0

11 xing.com

8,01

-0,65

-7,6

12 deviantart.com

6,30

1,10

21,2

13 jappy.de

4,84

-4,35

-47,3

14 badoo.com

4,55

-3,78

-45,4

15 ask.fm

4,53

-4,62

-50,5

16 likes.com

2,41

1,84

328,4

17 stayfriends.de

2,39

-2,28

-48,8

18 spin.de

1,73

-2,47

-58,8

19 nk.pl

1,24

-2,14

-63,2

20 twoo.com

1,09

-1,28

-54,0

*: hochgerechnete Besuche auf der jeweiligen Website / ohne Besuche mittels mobiler Endgeräte

Die Zahlen variieren stark, außerdem sind in den obigen Tabellen keine Zugriffe von mobilen Geräten dabei, d.h. Besucher, die mit ihrem Smartphone die Netzwerke benutzten, wurden nicht erfasst. Man kann sehen, dass Facebook trotz erheblicher Verluste gegenüber dem Vorjahr immer noch an der Spitze steht, in erheblichem Abstand gefolgt von dem stark gewachsenen sozialen Netzwerk Twitter und dem Google-eigenen sozialen Netzwerk Google+. Die hohe Platzierung von Google+ ist aber auf die enge Verknüpfung mit anderen Google-Angeboten, wie Gmail oder Youtube zurückzuführen, denn sobald man bei irgendeinem Angebot von Google einen Account eröffnet, hat man automatisch einen Google+-Account. Seitens Google wolle man Google+ aber eigenständiger machen.

Google+ wird demnächst wohl wieder in einzelne Dienste getrennt werden, die Zukunft des sozialen Netzwerks ist also eher ungewiss. Von 2 Milliarden Profilen auf Google+ sind nur 1 Prozent aktive Nutzer.

Daher werde ich Google+ nicht genauer untersuchen, denn ich denke, Google wollte damit nur eine Art Wettbewerbsprodukt erschaffen, das mit Facebook konkurrieren sollte. Der größte deutsche Anbieter ist den Besucherzahlen zufolge Xing, überraschenderweise hinter den russischen Netzwerken ok.ru und vk.com. Und das in Deutschland selbst!

Ich werde mir auf den folgenden Seiten die am häufigsten besuchten sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und Tumblr genauer anschauen, um festzustellen, inwiefern sie meinen Kriterien für Individualität entsprechen.

3.1.5 Die Gestaltung des eigenen Ichs

3.1.5 Die Gestaltung des eigenen Ichs

Die Darstellung der eigenen Persönlichkeit ist im Internet eine sehr unspezifische Angelegenheit, da sie zunächst von den technischen Möglichkeiten der Webseite und dann vom jeweiligen Geschmack des sich selbst darstellenden Nutzers abhängig ist. Individuelle Gestaltungsweisen sind also sehr schwer zu ermitteln und sie sind hauptsächlich auf visuelle Darstellungen (Bilder und Texte) beschränkt. Audioelemente kommen selten, wie z. B. auf Seiten wie Youtube zur Geltung.

Folglich ist die visuelle Darstellung die wichtigste, somit also Bild und Text. In sozialen Netzwerken werden (auf Grund der vielen Nutzer) bei der Darstellung und Gestaltung des eigenen Nutzers häufig nur Kategorien zum Ausfüllen angeboten. Man kann Profilbilder hochladen, oder vielleicht eine Art Statusmeldung bei Messengern wie WhatsApp für sich selbst festlegen. Dafür gibt es aber auch schon vorgefertigte Sprüche.

Ein noch sehr auf die gestalterische Individualität eingehendes soziales Netzwerk war Myspace, welches aber im Gegensatz zu Facebook den Gedanken verfolgte, die Nutzer nur auf das eigene Portal zu beschränken. Facebook-Buttons findet man daher sehr oft auch auf anderen Seiten, was zur größeren Beliebtheit von Facebook beigetragen hatte.

Beitragsbild: Mein Profilbild auf Twitter; eine Aufnahme durch ein Lichtmikroskop von den Hautgewebezellen einer Zwiebel.